DIE ALTNORDISCHE LITTERATÜE. 43
zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts ganz verloren. WennRahbeck dies besonders dem verderblichen Einfluss der ein-dringenden deutschen Litteratur zuschreibt, so würden wirDeutsche allein genöthigt sein, den Grund der ganz gleichenErscheinung tiefer als in einer solchen äusserlichen Berührungzu suchen. Natürlicher scheint es, ihn in der ganz verändertenRichtung zu finden, welche überhaupt die Geistesbildung jenerZeit annahm, deren erste Folge die völlige Trennung einer ge-lehrten, fremden Vorbildern nacheifernden und einer einfachen,zumeist in der Gesinnung früher Jahrhunderte lebenden Poesiewar. Als gegen das Ende des elften Jahrhunderts im NordenÖfen in den Häusern eingeführt wurden, konnten sich erst dieStände von einander trennen, da vorher das gemeinschaftlicheFeuer im Saal alle Glieder des Hauses versammelte; doch wares nicht die Erfindung der Ofen, welche jene Scheidung her-vorbrachte, sondern der schon innerlich getrennte Geist, welchernur ein äusserliches Mittel, das sich allzeit leicht darbietet, er-griff. Nicht anders muss man sich auch die Trennung in Volks-und Kunstpoesie denken.
Manche Fragen, wozu diese Lieder Anlass geben, sind ineiner ausführlichen, wohlgeschriebenen Recension dieser neuenAusgabe von P. E. Müller (Dansk Literatur Tidende for 1814,No. 38 — 40, S. 591—640) in Anregung gebracht. Eine derersten betrifft den Ursprung derselben. Er ist im Ganzengenommen ungewiss. Die Herausgeber setzen sie in das 13.,14. und 15. Jahrhundert, dagegen glaubt Müller, dass die ältestenkaum vor dem 14. Jahrhundert könnten gedichtet sein, vorzüg-lich darum, weil die Sprache die Farbe dieser Zeit trage. Über-haupt aber sieht er sie als das Erzeugnis einer Vermischungder älteren deutschen und altdänischen Dichtungsartan; ja, bei den Zauberliedern ist er nicht abgeneigt, eine Ab-stammung aus dem Süden zu vermuthen. Das Letztere haltenwir für unzulässig, bei jener Behauptung kommt es aber hai^t-sächlich darauf an, wie man sich diese Vermischung denkt: obäusserlich bewirkt durch verarbeitende Dichter, oder unwill-kürlich entstanden durch eine lebendige Vereinigung der Völkerund ihrer Überlieferungen, zumal der stammverwandten. Für