DIE ALTNORDISCHE L1TTERATUR. 25
Wäldern I, S. 252—265 wohl zeigt. Der Verfasser denkt sicheine Chronik als Quelle, welche dem italienischen Codex ähn-lich gewesen, woraus Cochläus in der vita Theodorici eine Stelleanführt. Diese Annahme eines italienischen Codex ist indessenauch schon ein Irrthum, denn diese (S. 90) angeführte Stellegehört in das Chronicon Urspergense des Conrad von Lichtenau,aus welchem sie nicht einmal vollständig in jene Handschriftdes Jornandes eingetragen war (s. Altd. Wälder I, S. 289).
In der vierten Abhandlung, welche die deutsche Sage be-trachtet, kommt eine Vergleichung derselben mit der nordischenvor. Dem Inhalte nach ist die letztere gewiss reiner und ur-sprünglicher und insofern älter als das Nibelungenlied; dagegenhätte auch der herrlichen epischen Ausführlichkeit darin, die esdem menschlichen Gefühl so nahe rückt, als eines eigenthüm-lichen Vorzugs sollen gedacht sein. Der Verfasser nennt dasNibelungenlied romantisch im Gegensatz zu den »mythischen«Eddaliedern; wir pflegen es gerade unseren romantischen Dich-tungen entgegenzusetzen. Doch darüber würde der Streit amEnde nur ein Wort betreffen. Allein was sonst über diesesGedicht behauptet wird, dass es, namentlich den eddischenLiedern gegenüber, Kunstpoesie sei, dass es von einem einzigenDichter herrühre, der, nach Gesetzen und durch Reflexion ge-leitet, es gedichtet und willkürlich verbunden: dagegen wirdder Verfasser vielfach Widerspruch erfahren. Er hat sichwenigstens für eine Ansicht entschieden erklärt. So viel musser, da er Lachmanns Untersuchungen kennt, zugeben, dass esimmer hart sei, einem so ausgezeichneten Dichter solche Mängel,Widersprüche und Ungleichheiten zuschreiben zu müssen. —Aus dem blossen Umstände, dass sich in dem alten Hildebrands-liede schon eine unhistorische Verbindung zwischen Dieterichund Attila (es steht im Text bloss: Hunnenfürst) zeige, denSchluss zu ziehen (S. 343), dass die älteste Form im Deutschenjünger sei, als die nordische in den Eddaliedern, ist gewagt.Wären die libri teutonici mit den hierhergehörigen Liedernvon Ermenrich, deren Frodoardus (um das Jahr 1000) gedenkt,vorhanden, so würde erst das Verhältnis zu den nordischenrichtig können eingesehen werden.