DIE ALTNORDISCHE LITTERATDR. 23
berührt wurde, entwickelt, sie als etwas fertig Gewordenes, in 15bestimmter Gestalt der Überlieferung Anheimgefallenes zu be-trachten wäre, so dass alle weitere und spätere Abänderungennur als Verschlechterung und Missverstand könnten angesehenwerden. Kurz sie wird etwas Lebloses. Glaubt man dagegen,der Inhalt der Mythe sei eine ursprüngliche, von allem Zufälligenfreie Idee, welche auf verschiedenartige Weise in dieser oderjener Form sich zu äussern und auszudrücken strebt, so er-scheint sie in einem unerschöpflichen Leben, das hervordringt,verlischt und von neuem wieder aufleuchtet. Da eine solcheIdee etwas Gemeinsames ist und nicht einem Einzelnen alleinkann verliehen sein, so folgt, dass sie auch nur in dem Be-wusstsein des ganzen Volks vollständig vorhanden ist. Sowichtig der Unterschied zwischen früherer und späterer Auf-fassung ist, so wirkt er doch schädlich, wenn man eine Ausserung bloss darum, weil sie bei einer früheren Gestaltung sichnicht findet, als einen falschen Zusatz verwirft; vielleicht warsie gerade eine der ältesten. Alles, was von der Mythe inLied, Sage, Bild hervortritt, ist Bruchstück, aber es steht immerin Zusammenhang mit dem nie vollständig ausgesprochenenGanzen. Eben so nachtheilig ist, wenn man aus verschiedenenRecensionen eine als die echte heraussuchen will. Dies ist einPunkt, worin wir uns bestimmt von dem Verfasser trennen,und insofern scheint es uns auch, als habe er zwar das äussereDasein und Leben der Sage, aber ihr Inneres nicht recht an-erkannt. Ähnlich, wenn er bei Bestimmung des Alters sichmehr auf äussere Zeugnisse (von welchen, so wichtig sie auchsind, die rechte Zweifelsucht sich doch nicht stören lässt), alsdie innere Natur der alten Lieder stützt. Darum stimmen wirauch nicht bei, wenn der Verfasser (S. 67) den zweiten BesuchSigurds bei Brynhilde, wovon die Eddalieder nichts wissen,ferner die Sage von der Aslauga (S. 97) als die ungehörige,willkürliche Erfindung eines Bearbeiters der Volsunga-Saga an-sieht, obgleich allerdings eine Wahrheit darin liegt, wenn mandiese später getriebenen Zweige einen Anwachs oder Zusatznennt. Der Schluss des Verfassers, welcher doch eigentlich nurdarauf beruht, dass die älteren Recensionen nichts davon sagen