148 Die Stenographie im 19. Jahrhundert.
hier die Gabelsberger'sche Stenographie zur Herrschaft, welche aber unteidem czechischen Einfluss eine sehr veränderte Gestalt erhielt.
In Böhmen hatte /. J. Heger (s. S. 75) durch seine Ferienvorlesungenan der Prager Universität 1844 und 1845 die Gabelsberger'sche Stenographiebekannt gemacht, 1849 g a ^ er die kurze Anleitung für die 4 slavischenHauptsprachen heraus. Als Slave hatte er an der Gabelsberger'schen Be-zeichnung des tsch Anstoß genommen und dafür ein eigenes Zeichen empfohlen,welches Gabelsberger auch für die deutsche Stenographie annahm. Ein Lehr-buch der czechischen Stenographie, welches Heger 1851 ausgearbeitet hatte,ist nicht erschienen, weil der Münchener Lithograph das Manuscript als Pfandbehielt, als Heger starb, ohne dass die bis dahin aufgelaufenen Druckkostenbezahlt wurden. Der Prager Verein hat es später als schätzbare Reliquie ein-gelöst. Hegers Nachfolger auf dem Prager Lehrstuhl, Krousky, gab kein Lehr-buch heraus; übrigens wurde die czechische Sprache bis 1860 in gebildetenböhmischen Kreisen wenig gepflegt, erst mit dem Octoberdiplom 1860 traten dieslavisch sprachlichen Bestrebungen in den Vordergrund. Der 1859 gegründeteGabelsberger Stenographenverein spaltete sich bald in einen czechischen unddeutschen Verein, obgleich beide Vereine beide Landessprachen pflegten undbei der Zweisprachigkeit der Bevölkerung und des Landtags pflegen mussten;der czechische Verein behielt den Namen I. Gabelsberger Stenographen-Verein zu Prag bei. Die Prager Stenographen beklagten sich bald darüber,dass die Gabelsberger'sche Stenographie wenig zum Nachschreiben czechischerReden geeignet sei, und 1861 erfolgte seitens des I. Prager Vereins eineConcurrenzausschreibung für eine bessere Übertragung. Nachdem diese er-folglos geblieben war, arbeitete eine Commission des Vereins, bestehend ausProf. Novotny, Dr. Brzobohaty, Faigl, Konrad, med. cand. Novotny, Standund Tauer unter Benützung der eingelaufenen Concurrenzarbeiten binnenJahresfrist selbst eine Übertragung aus, welche als Tßsnopis cesky 1863 er-schien. Die Abweichungen derselben von der deutschen Stenographie warennicht gering, selbst die Buchstaben p und g waren vertauscht worden. ImDresdener Correspondenzblatt erblickte man dadurch die Einheit des Gabels-berger'schen Systems gefährdet, aber auch Gzechen, von denen einer eineKritik in den »Österreichischen Blättern für Stenographie« (in Wien) ver-öffentlichte, waren nicht mit allem einverstanden. Unrichtig ist es jedoch,dass das Dresdener Correspondenzblatt vom Wiener Verein beinflusst wordensei, denn erstens waren dazu die Verhältnisse zwischen Wien und Dresdenzu gespannt (s. S. 79), zweitens hat sich der Wiener Verein mit dieserczechischen Arbeit nie beschäftigt, sondern dieRedaction der »ÖsterreichischenBlätter« hatte die Kritik von einem Czechen nach seinem besten Wissenund Gewissen abfassen lassen. Die Czechen ließen infolge dessen den NamenGabelsberger bei den folgenden Auflagen weg, worauf das Dresdener Institutnachträglich die czechischen Änderungen anerkannte, womit zugegeben wurde,dass das Gabelsberger'sche Alphabet für die slavischen Sprachen nicht geeignetsei. Die leitenden Männer des I. Prager Vereins besassen soviel Ansehen,dass der TSsnopis alle anderen Bearbeitungen des Gabelsberger'schen Systemsverdrängte; sie wurden in die Lehrerprüfungscommission berufen und derTSsnopis als Lehrbuch für die czechischen Lehrcurse approbiert. In Böhmenentwickelte sich ein reges stenographisches Leben, die czechischen Steno-graphenvereine hielten 1866 in Pardubic, 1885 in Prag und 1888 in BrunnStenographentage ab. Der letztere zeigte übrigens, dass der TSsnopis dieczechischen Wünsche noch keineswegs befriedigt hat, es wurde sogar ein-stimmig beschlossen, dass kein fremdes System für die slavische