Die Stenographie vom 10. bis Ende des 16. Jahrhunderts. 21
Der Kalligraph Peter Bales veröffentlichte 1590/1 einen »Schreib-schulmeister« in 3 Theilen: 1. Kurzschrift, 2. Rechtschreibung, 3. Schön-schrift, 1597 eine Kunst der Brachygraphie. Nach dem, was darüber bekanntgeworden ist, scheint Bales ein vereinfachtes Alphabet nach Art der Helsing-runen (H. Gr. S. 44) und eine Abkürzungsmethode gelehrt zu haben, wobeidie Buchstaben für Worte dienten und verschieden beigefügte Punkte dieWortbedeutung veränderten.
Litteratur.
W. Wattenbach, Anleitung zur lateinischen Palaeographie, 1869. Karl Fanl-inann, Buch der Schrift, 1880. Daniel Schwenter, Deliciae physico-mathematicae,Nürnberg 1636. Valentin Rose (im Hermes Bd. VIII.). Timothy Bright, Charac-terie; an Art of Short, Swift and Secrete Writing by Character, London 1588, n ,A.1888. Ders., The Book of Titus, 1586, n. A. 1884. (Hiezu: Thompson Cooper, Memoirof Timothy Bright im Dictionary of National Biography, 1866. John E. Bailey,Timothy Bright im Phonetic Journal, 1875. Dr. Westby-Gibson, Early ShorthandSystems, London 1882. E. Pocknell, Th. Bright, 1884.) Peter Bales, The WritingSchoolmaster, London 1590/1. Ders., The Art of Brachygraphy, 1597.
Die Stenographie im 17. Jahrhundert.
Am Anfange des 17. Jahrhunderts wurde die moderne Steno-graphie geboren, sie entsprang wie eine Athene aus dem Haupte ihresVaters, vollständig ausgebildet und gerüstet, den Wettkampf mit dem schnellenWorte aufzunehmen Ihr Vater war John Willis, welcher 1603 die Stelleeines Rectors von St. Mary Bothaw in London bekleidete, im selben JahreBaccalaureus der Theologie wurde, 1606 als Rector of Bentley Parva inEssex lebte und kurz vor 1628 starb. Die erste Ausgabe seines Werkes ver-öffentlichte er 1602 ohne seinen Namen; es erlebte bis 1647 14 Auflagen;1617 gab er eine lateinische Stenographie heraus, da damals Latein nochdie allgemeine Sprache der Gebildeten war; 1623 veröffentlichte er eineAnleitung zum Unterricht (The Schoolmaster), außerdem noch Leseübungenund die Psalmen in seiner Schrift. Sein System (H. Gr. S. 45 f.) beruht
1. auf Lautzeichen, welche aus den Theilen des geraden und schiefenVierecks, aus dem Kreise und dem Oval nebst ihren Theilen und einer invier Richtungen gebrauchten Schleife gebildet sind. Obgleich er im School-master seine Zeichen als aus den Theilen der lateinischen Capitalbuchstabender Druckschrift genommen erklärt haben soll, ist doch unverkennbar, dass ersie aus den einfachsten geometrischen Formen gebildet hat; 4Zeichenbestehen aus je einer Handbewegung, die übrigen, mit Ausnahme des vollenKreises und Ovals aus je zwei Handbewegungen. Oberflächliche Beurtheilerhaben seinen Zeichen vorgeworfen, dass sie Verwechslungen zuließen, dasf bestehe aus den Zeichen für sr, doch hatte er ein für allemal bestimmt,dass der Nachlaut nur in halber Größe geschrieben werde und damit jederVerwechslung vorgebeugt. Diesem gelehrten Rector verdankt man auch
2. die Einführung des rein phonetischen Princips in die Steno-graphie, wie E. Pocknell in den Verhandlungen des ersten internationalenCongresses in London 1888 ausführlich nachgewiesen hat; 3. die Einführungder symbolischen Vocalbezeichnung, indem die Vocale ihrer alpha-betischen Reihenfolge nach (a, e, i, o, n) durch 5 Stellungen bezeichnet