Schrift und Sprache.
DIE Schrift hat die Aufgabe, die Sprache in sichtbaren Zeichendarzustellen oder festzuhalten.
Ohne Sprache gibt es keine Schrift. Eine Zeichnung, welche einenGegenstand ohne Rücksicht auf dessen Benennung darstellt, liefert ein Bild,wie z. B. die Gestalt eines Thieres, welche der Buschmann, einem innerenDrange folgend, in Stein kratzt. Ein solches Bild kann Schrift werden,wenn die Absicht, den Namen hervorzurufen, damit verbunden wird. Indieser Weise gaben die Mexikaner auf ihren Gemälden den Personen Bilderbei, welche deren Namen bezeichneten; diese allein sind die mexikanischeSchrift.
Die Schrift hat vor dem Bilde den Vorzug, dass man die Schrift-zeichen versteht, wenn man die Sprache kennt, Bilder unbekannterEreignisse sind aber ohne mündliche Erklärung unverständlich.Daher stehen wir den mexikanischen Bildern verständnislos gegenüber, weiluns die Erklärung fehlt.
Die Chinesen gaben schon früh ihren Bildzeichen L autzeichen bei,um Missverständnisse zu vermeiden, da ein Bild verschiedene Wörter ver-treten kann. In der Folge wurden die Bildformen vernachlässigt und derLautwert allein beachtet, weshalb die heutigen chinesischen Zeichen keineSpur mehr von Bildzeichen, sondern nur in bestimmter Ordnung zu-sammengefügte Striche zeigen, welche einen vereinigten Laut- und Be-griffswert darstellen. Dagegen erhielt sich bei den Ägyptern die Bild-form auch in den Lautzeichen.
Ein entwicklungsgeschichtlicher Übergang von derWortschrift zur Silbenschrift und Buchstabenschrift istnicht vorhanden. Es sind wohl in Japan und in der Keilschrift ausWortschriften Silbenschriften gebildet worden, aber keine Buchstabenschrift.In der ägyptischen Schrift wurden Wortzeichen, Silbenzeichen und Lautzeichenbunt durch einander verwendet, ohne dass man zu einer reinen Buchstaben-schrift gelangte; selbst die demotische Schrift, welche keine Bildformenmehr besitzt, bildet ein solches Gemenge.
Die Entstehung der Buchstabenschrift liegt im Dunkeln.Dass ihre Lautzeichen ursprünglich Bildzeichen waren, ist höchst wahr-scheinlich, aber ihre Entwicklung aus der ägyptischen Schrift, wie sie dieÄgyptologen {Rouge, Brugsch u. a.) nachweisen wollten, kann vor einerernsten Kritik nicht bestehen; auch der Nachweis, dass sämmtliche Buch-stabenschriften aus einer Quelle stammen sollen, wie ihn Lenormant ver-suchte, ist nicht gelungen. Thatsache ist nur, dass die Buchstabenschriftvor mehr als 2500 Jahren in Phönicien im Gebrauch war, wo sie aus 22
Kaulmann, K., Geschichte und Litteratur der Stenographie. I