Deutsche Stenographie. gl
Außerhalb der Schulen von Gabclsberger und Stolze entwickelte sichin den 70er Jahren ein bedeutendes Streben, im Jahre 1875 allein entstandendrei neue Systeme, welche sich erhalten haben.
Von der Arends'schen Schule löste sich Heinrich Roller ab, der dieGrundsätze Arends' einfacher gestaltete; er verwendete eine dreifache Breite,um die Vocale zu bezeichnen, eine dreifache Größe der Consonantenzeichen,welche aber auch bei ihm noch Nebenzeichen haben (H. Gr. S. 263). EineKlage Arends' wegen Verletzung seines geistigen Eigenthums fiel zu GunstenRoller's aus, welcher behauptete, eine selbständige Arbeit geliefert zu haben.Roller, ein geschickter praktischer Stenograph und erfahren in der Propa-ganda, verstand es, seinem System Verbreitung zu verschaffen. ÄhnlicheBestrebungen von Mangold und Höfl, beide 1877 (H. Gr. S. 264), bliebenerfolglos.
Der Schuhmachermeister August Lehmann in Berlin, der sich mit denbestehenden Systemen vertraut gemacht hatte, erdachte eine neue Vocal-bezeichnung, indem er nur einstufige Consonantenzeichen aufstellte, welcheden Vocal e, zweistufig den Vocal o, dreistufig den Vocal i bezeichneten,durch Verstärkung und breite Verbindung wurden die übrigen Vocale be-zeichnet, doch sind diese Consonantenzeichen zur Verbindung unter sichwenig geeignet und mussten deshalb Nebenzeichen aufgestellt werden (H.Gr. S. 251). Lehmann hatte an seinem System wenig Freude, seine Ände-rungen waren seinen Schülern unangenehm. Da sie nicht, wie Kronos seinemVater Uranos gethan, seine Schöpferkraft verstümmeln konnten, so stießensie ihn doch vom Throne der von ihm geschaffenen »Stenotachygraphie«, siegaben selbst Lehrbücher heraus, und da sie sich schämten, einen Schusterals Meister zu haben, während sie sich nicht schämten, die Früchte seinerArbeit zu genießen, sprengten sie aus, Lehmann habe die Erfindung einesunbekannten Anderen für die semige ausgegeben. Übrigens zeigte sich auchLehmann s System in praktischer Beziehung verwendbar. J. Dahms, dernach absolvierten Universitätsstudien diesem System als Praktiker und Lehrergrosses Ansehen verschaffte, besiegte 1887 den Stolzeaner G. Hirte in einemWettschreiben. Ein ähnliches System, welches R. Grüner 1879 veröffent-lichte, fand keine Verbreitung.
Ein drittes System ließ Professor Faulmann durch den Lehrer GustavBraut 1875 unter dem Namen »Phonographie« der Öffentlichkeit übergeben.Faulmann hatte sich, seit er seine radicale Reform des Gabelsberger'schenSystems zurückgezogen hatte, mit Versuchen beschäftigt, die Hauptregeln desGabelsberger'schen Systems : die Verschmelzung der Consonanten-zeichen und die symbolische Bezeichnung der Vocale, aus-nahmslos durchzuführen. Das erstere erreichte er durch eine Änderungder Zeichen für r, m, n und s, das zweite dadurch, dass er den Bindestrichselbst zum Vocalzeichen machte, indem derselbe in drei Richtungen, indoppelter Länge und in Verbindung mit der Verstärkung alle Vocale vertritt.Dadurch wurden besondere Vocalzeichen überflüssig und der gegen die cursiveStenographie erhobene Vorwurf, dass sie todte Bindestriche habe, entkräftet.Durch Vermeidung langer Zeichen gelang es ihm eine Verschmelzung mitt durchzuführen, welche die Schriftzeichen auf der Zeile erhielt. Dadurchwurde die Aufstellung von Sigeln für Vor- und Nachsilben überflüssig, und dadurch den Wegfall von Vocalbuchstaben die Schrift auch sonst kurz wurde,konnte er als Grundlage der Stenographie eine vollständig be-zeichnende Lautschrift aufstellen, welche, wie er in der Abhand-lung über Schreibflüchtigkeit (zuerst veröffentlicht in einer Gabelsberger'schen