Deutsche Stenographie. 89
nach dem Scheitern des Systemausschusses, wie sie war und das viel-bestrittene Lehrbuch der Kammerstenographie von Conti wurde von derk. k. Prüfungscommission in Wien als Grundlage der theoretischen Prüfungangenommen. Zu Anfang des Jahres 1870 planten die Wiener Kammersteno-graphen eine Petition an den Reichsrath um Systemisierung von Steno-graphenstellen, da bisher Conti als Director des Stenographenbureaus das-selbe gegen eine Pauschalsumme der Regierung leitete und die Kammersteno-graphen selbst besoldete. In dieser Petition wurde das Vorgehen Conn'sals die Interessen der Stenographie schädigend bezeichnet. Als es denKammerstenographen gelang, den Wiener Centralverein zur Unterstützungder Petition zu bewegen, legte Conti als Vorsitzender des Vereines dieseStelle nieder und trat aus dem Vereine aus. Unter der neuen Direction er-klärte sich der Wiener Centralverein, der so lange gegen die DresdenerBeschlüsse aufgetreten war, sofort als Anhänger derselben. Zwar wurden dieSchreibweisen der Wiener Schule noch einige Jahre hindurch von Faulmatinim »Kammerstenographen« vertreten, aber nach Conn's Tode 1876 zog sichauch Faulmann aus dem stenographischen Vereinsleben zurück, nachdem erinzwischen ein neues System ausgebildet hatte. Als die Petition vom Reichs-rathe abgelehnt worden war, versuchten die Kammerstenographeneinen Strike, welcher jedoch erfolglos blieb, denn die Wiener Schule hattegenug praktische Kräfte herangebildet, um die Stellen sofort neu besetzenzu können.
Aus Anlass der Jubiläumsfeier hatte der Münchener Centralverein einenPreis für die beste Anleitung zur Erlernung der Satzkürzung ausgeschrieben.Die Preisrichter (Dr. Albrecht, Dr. Piasetter und Professor Lautenhammer)erkannten den Preis der Arbeit des wegen des Strikes entlassenen WienerKammerstenographen Zeplichal zu, welche die Tendenz hatte, die freienKürzungen des Gabelsberger'schen Systems in Sigel zu verwandeln. DiesePreisschrift erlebte zwar bis jetzt noch keine zweite Auflage, aber ihr Ein-fluss ist in den neueren Lehrbüchern der Gabelsberger'schen Stenographiemerkbar hervorgetreten, wohl kaum im Interesse der leichten Erlernbarkeit.
Professor Krieg; welcher Mitglied des kgl. stenographischen Institutsin Dresden geworden war, hatte bald darauf Gelegenheit gefunden, demGeneralpostdirector Stephan die Gabelsberger'sche Stenographie als eineSchrift zu schildern, welche sich zur diplomatisch genauen Bezeichnungaller Orts- und Familiennamen ebenso eigne, als die Currentschrift; er wurdedaher mit der Ausarbeitung einer Kurzschrift für den technischen Post-verkehr beauftragt. 1875 erschien diese Po'stStenographie im »DeutschenReichspostarchiv«, die Postbeamten wurden beauftragt, dieselbe zu erlernenund an mehreren Orten wurden von den Gabelsberger'schen Vereinen zudiesem Zwecke Curse abgehalten. Doch die Postbeamten fanden diese Post-stenographie zu schwierig zu erlernen und der Versuch musste aufgegebenwerden.
Am 3. December 1874 war von dem Vorstande des Stolze'schen Steno-graphenvereins dem Dr. Stephan zu demselben Zwecke die Verwendung derStolze'schen Stenographie empfohlen worden, doch hatte letzterer am 22.desselben Monats geantwortet, dass das Stolze'sche Stenographiesystem beiallen seinen Vorzügen für diesen speciellen Zweck in der gegenwärtigenGestalt nicht wohl geeignet sei, vielmehr unter Abänderung einiger wesent-lichen Punkte, insbesondere unter Vermeidung der Vocalisationslinien, zu-nächst eine entsprechende Bearbeitung erfahren müsse, um für die Zweckedes technischen Postbetriebes verwendbar zu sein. Dieses Schreiben regte