Druckschrift 
Geschichte und Litteratur der Stenographie
Entstehung
Seite
88
Einzelbild herunterladen
 

88 Die Stenographie im 19. Jahrhundert.

Der Krieg von 1870 blieb mit seinen grossen Ereignissen auch für dieStenographie nicht ohne Folgen. Das Präsidium des deutschen Reichstagsbeschloss am 24. April 1871, sein Stenographenbureau zu glei chenT heilen mit Anhängern des Gabelsberser'schen und Stolze'schenSystems zu besetzen und von der Abhaltung eines abermaligen Con-currenzschreibens abzusehen. In seiner »Kurzgefassten Geschichte der Steno-graphie« sagt Krumbein darüber: »Man muss sich der riesengrossen Hin-dernisse, welche der Verwendung Gabelsberger'scher Kräfte entgegenstand,erinnern; man muss sich die mit beispielsloser Zähigkeit und Ausdauerbetriebenen Bohrversuche vergegenwärtigen und ganz besonders die rast-losen Bemühungen seitens der beiden Centralstellen zu Dresden und Mün-chen, wie des Dr. Eggers und Dr. Bierey's; man muss in Betracht ziehenendlich die Gegenminen der Stolzeaner, die sich in einer weit günstigerenStellung befanden und die auch bereits die ersten Sitzungen des deutschenReichstages allein stenographiert hatten; man muss alle diese Umstände undVerhältnisse würdigen, um die Wichtigkeit dieses Erfolgs und die darüberim Gabelsberger'schen Lager herrschende Freude zu begreifen.« Anfangswurden die Stenographen, welche die berufenen Körperschaften zum Steno-graphenbureau beistellten, ohne weiters aufgenommen; nachdem aber einMünchener Stenograph wegen Unfähigkeit entlassen werden musste, wurdebestimmt, dass kein Stenograph ohne vorhergegangene Prüfung aufgenommenwerde.

Wie oben erwähnt, war die Stolze'sche Schule in der Propagandavon der Gabelsberger'schen überflügelt worden. Der Hauptgrund mochteneben der fehlenden Einzeiligkeit in der Zahl der auswendig zu lernendenSigel liegen, deren Zahl meist übertrieben wurde (das Stolze'sche Systemhatte 800 Sigel, in der Gabelsberger'schen Stenographie ist die Zahl un-bestimmt, da Krieg's Unterrichtstafeln 480, Söldners Sigel und Abbrevia-turen 506, Zwierzina's Zusammenstellung 1100 aufweisen), die Stolze'schenKammerstenographen fanden ihrerseits, dass die meisten Sigel für Begriffs-wörter in ihrer Praxis nicht vorkamen und daher ein überflüssiger Ballastseien. Daher entschloss sich die Prüfungscommission, die Sigel für dieBegriffswörter gänzlich fallen zu lassen und auch die Fremdwörterbezeichnungzu vereinfachen. In der 25. Auflage der Anleitung wurde 1872 die ver-einfachte Stolze'sche Stenographie veröffentlicht. Es war einscharfer Schritt und er steigerte die Unzufriedenheit in der Stolze'schen Schulederart, dass eine Spaltung eintrat, die Gegner der Vereinfachung nanntensich die »W. Stolzesche Schule« und diejenigen, welche die Beschlüsse derPrüfungscommission annahmen: »Neustolzeaner«, welche Bezeichnung dieletzteren dann selbst annahmen; aber es war ein Fortschritt auf demGebiete der Stenographie, und wenn auch die Partei des Fortschrittsanfangs gering war (nur 14 Vereine mit 401 Mitgliedern schlössen sich derPrüfungscommission an), so äusserte sich die Folge doch bald in einer günsti-geren Verbreitung der Stolze'schen Stenographie, während die Altstolze'scheSchule allmählich abbröckelte. Allerdings trug zum Siege der neustolzeschenSchule am meisten bei, dass die Parlamentsstenographen auf Seite derselbenstanden. In einem glänzenden Vortrage »über den Begriff der Wissenschaft-lichkeit auf dem Gebiete der Stenographie« rechtfertigte Dr. Steinbrink 1879die Vereinfachung und trat zugleich jener falschen Wissenschaftlichkeit ent-gegen, welche oben (S. 4) gekennzeichnet wurde.

Während die Stolze'sche Schule sich spaltete, war die Gabelsberger'schezu einer unerwarteten Einigkeit gekommen. Die Wiener Schule blieb