Deutsche Stenographie. 87
Antheil an den Revisionsarbeiten des Gabelsberger'schen Systems genommenhatte, gieng 1866 über diese hinaus, indem er unter Abänderung des Gabels-berger'schen Alphabets eine consequente Durchführung der Vocalregeln an-strebte; er veröffentlichte seine Studie als einen »Vorschlag zu einer radi-calen Reform« in den »Österreichischen Blättern für Stenographie« (H. Gr.S. 224), zog dieselbe aber im folgenden Jahre zurück.
Leopold Arends trat 1860 mit einer neuen Bearbeitung seines Systems(s. S. 80) hervor und hatte diesmal Erfolg. Der Grundgedanke seines Sy-stems besteht darin, die Vocale amFusse der Consonantenzeichenanzufügen, was jedoch bei r nicht angeht, weshalb dieses allein oder inVerbindung mit Consonanten eine andere Vocalbezeichnung erhielt. Auchals Auslaute erhalten mehrere Consonanten andere Zeichen. Eigenthümlichist diesem System die gänzliche Vermeidung des Drucks, doch hates dafür andere feine oft haarspalterische Unterscheidungen. Bezüglich derOrthographie werden ähnliche Wörter ängstlich unterschieden. Ein eigenesKürzungsverfahren besteht nicht, dafür Regeln über Weglassungen von Con-sonantenzeichen, ferner Zeichen für Vor- und Nachsilben (H. Gr. S. 257—60).Arends theilte sein System in sechs Lectionen ein unter der Vorgabe,es könne in sechs Stunden erlernt werden, und berief sich auf ein SchreibenAlexander von Humboldfs, der das System als rationell anerkannt habe,doch enthielt dasselbe nur einige höfliche Zeilen des großen, aber auf demGebiete der Stenographie nicht orientierten Gelehrten. Arends fand zuerstAnhänger in Handwerkerkreisen, bald schlössen sich ihm auch intelligenteMänner an, welche sein System mit Eifer verbreiteten.
Abarten des Arends'schen Systems sind die Systeme von /. A. Grotein Berlin 1861 und Alexander Stix in Frankfurt 1863, auch J. Hunkele's»Versuch einer lautgetreuen und kurzen gemeinsamen Schrift aller Völker«zeigt den Einfluss Arends' (H. Gr. S. 261—63).
Im Jahre 1867 hielten die preußischen Stenographen die Zeit ge-kommen, neuerdings an den Landtag mit Petitionen um Einführung derStenographie in die Schulen heranzutreten. Diesmal betheiligten sich auchdie Arendsianer daran. Doch war der Erfolg ungünstiger als früher. DerLandtag beschloss über Antrag seiner Commission: »In Erwägung, dassdie Stenographie noch kein allgemein angenommenes System ausgebildethat, dass die Entscheidung über die Vorzüge der jetzt noch untereinanderstreitenden Systeme der Unterrichtsverwaltung überlassen bleiben muss unddass die Vermehrung der Unterrichtsgegenstände an den höheren Unterrichts-anstalten erhebliche Bedenken hat, über die Petition zur Tagesordnung über-zugehen«.
Niemand mochte diese Ablehnung schmerzlicher berühren, als denkranken müden Stolze, der ein Vierteljahrhundert gerade nach diesem Zielegerungen hatte. Als er 1868 die Augen für immer schloss, hatte seineSchule wohl die Zahl von über 100 Vereinen mit über 2000 Mitgliedernerreicht, sie war aber von der Gabelsberger'schen Schule um das Doppelteübertroffen, und während das System seines Rivalen nicht nur in Bayern,sondern auch in Österreich in die Schulen Eingang gefunden hatte, wurdenihm diese in seinem Vaterlande verschlossen. Er entschloss sich daher aufseinem Todtenbette, der Prüfungscommission die Einwilligung zur Vornahmemehrerer Veränderungen zu ertheilen, welche diese nach seinem Tode ver-öffentlichte. Aber dadurch entstand wieder Unzufriedenheit im Kreise derFreunde des Bestehenden, zumal neue noch weiter gehende Änderungen inAussicht gestellt wurden.