Druckschrift 
Geschichte und Litteratur der Stenographie
Entstehung
Seite
82
Einzelbild herunterladen
 

82 Die Stenographie im 19. Jahrhundert.

für bindend erklärt worden; zugleich wurde vereinbart, dass eine Änderung derBeschlüsse in Zukunft nur durch das gleiche Einvernehmen der drei vertrag-schließenden Körperschaften erfolgen könne. Bezüglich der Durchführungsollte in den Lehrcursen der drei Körperschaften die Preisschrift, nach denBeschlüssen umgearbeitet, als Lehrbuch dienen, zu dem das Dresdener Institutein Lesebuch lieferte; die ausführlichere Bearbeitung des Systems wurdedem Professor Rützsch übertragen, wobei der Münchener Verein auf dieweitere Herausgabe der Gabelsberger'schen Anleitung verzichtete. Der WienerCentralverein wurde bei diesen Abmachungen als Null betrachtet und damitein Same der Zwietracht gesäet, der später in üppige Halme aufschoss.

Zunächst wurden die Beschlüsse, obwohl sie nur für die drei oben ge-nannten Körperschaften bindend waren, von der ganzen Gabelsberger-schen Schule angenommen und die Verfasser der in Gebrauch stehendenLehrbücher beeilten sich, bei Neuauflagen ihre Bücher darnach umzugestalten.In erster Reihe brachte die Preisschrift die neuen Schreibweisen in Anwendung,obgleich sie in den Regeln dem neuen Charakter der Gabelsberger'schenStenographie zu wenig Rechnung zu tragen verstand, weshalb Prof. Rätzschseinem ausführlichen Lehrgange 1864 einen »Kurzen Lehrgang« beigesellte;neue Lehrmittel nach den Beschlüssen wurden von Theodor Krafft in Nürn-berg 1858, Karl Faulmann in Wien 1859 und Robert Fischer (Unterrichts-briefe) in Gera 1861 herausgegeben und fanden große Verbreitung.

Die ersten Folgen der Dresdener Beschlüsse waren glänzend. An Stelleder früheren Ungewissheit erfuhr man jetzt, wie man schreiben solle, dieRegeln schienen klar und bestimmt, überall wurde verkündet, dassdie in der Praxis bewährte Gabelsberger's che Stenographiejetzt auch vereinfacht und in feste Regeln gebracht wordensei, die Curse belebten sich, die Vereine nahmen zu, zumal durch das Nach-lassen der politischen Reaction das Vereinswesen freier wurde, undso finden wir 1858 schon 35 Vereine mit 880 Mitgliedern, 1859 73 Vereinemit 1668 Mitgliedern; die Gabelsberger'sche Schule überholte die Stolze'sche,welche 1859 nur 53 Vereine mit 1004 Mitgliedern zählte.

Aber wie wohl jeder Autor die Erfahrung macht, dass selbst das sorgsamstausgearbeitete Werk nach dem Druck noch manche Verbesserungsbedürftigkeitaufweist, so zeigten auch die Dresdener Beschlüsse mancherlei Unvollkommen-heiten. Schon Rätzsch als Ausleger der Beschlüsse sah sich genöthigt, dieRegel über die Bezeichnung des o abzuändern, da der betreffende Beschlussunvereinbar mit den beschlossenen Schreibweisen war, eine genauere Prüfungvon anderer Seite ließ erkennen, dass die Regeln doch nicht so fest waren,wie es den Anschein hatte und dass die Kritik, welche Oppermann an Gabels-berger's Anleitung geübt hatte, auch durch die Beschlüsse nicht gegenstandslosgeworden war. Die »Mannigfaltigkeit der Vocalbezeichnung, bald durch Form-veränderung der Consonanten, bald durch Verschiebung der Stellung der Con-sonanten zu einander, bald ausdrücklich, bald ohne irgend welche Bedeutung,bald im Anlaute, bald im Auslaute, ja mitunter an einer ganz anderen Stelle,als der, wo der Vocal lautete (tfi für tif), das Ausstoßen dieses oder jenesConsonanten in einzelnen Wörtern (wot für Wort etc.), während sie in anderengeschrieben wurden (borgen zum Unterschied von bogen), das Schwanken derUnterscheidung der zusammengesetzten und Silbenconsonanz (dr für der, abernicht in derb; dp für dep, aber nicht in Handpauke, fr für fr und fer, fl fürfl und fei; hr für her, aber nicht in hehr etc.), die verschiedenen Schreibweiseneines und desselben Wortes« waren erhalten geblieben, nur eingeschränktworden. Die neu eingeführte Genauigkeit hatte zu weitläufigeren Be-