80 Die Stenographie im 19. Jahrhundert.
Einheit auf dem Gebiete der ganzen deutschen Stenographieauf Grundlage seines Systems zu erwirken und gieng in seinem Eiferso weit, in öffentlichen Zeitungen vor den Systemen von Schmitt und Rogol(s. S. 78) zu warnen. In jener Zeit begann das Pharisäerthum in der Steno-graphie, welches jedes ehrliche Streben, nach eigenem Ermessen für den Fort-schritt der Stenographie zu wirken, als selbstsüchtig denuncierte. Es istdies eine Schattenseite der deutschen Stenographie, ein Auswuchsaus den Schutzvorrichtungen einzelner Regierungen zu Gunsten der Allein-herrschaft des Gabelsberger'schen Systems, wodurch der wissenschaftlicheStreit innerhalb und außerhalb des Gabelsberger'schen Systems mit persön-lichen Gehässigkeiten durchsetzt wurde und wodurch das Auftreten neuerLehrsätze doch nicht gehindert werden konnte.
Die Production anderer Systeme war um diese Zeit sehr gering. Auf dieZeit des politischen Aufschwunges war die Reaction gefolgt, die bestehendenKammern arbeiteten geräuschlos weiter, das Vereinsleben wurde von denSicherheitsbehörden mit Misstrauen beobachtet, Stenographen wurden nichtmehr gesucht. So konnten Schriften, wie die von Kahle und Montfort (H. Gr.S. 207/8) auftreten, die mehr Geheim- als Kurzschriften waren. Ein von Arendsnach dem französischen Muster von Fayet aufgestelltes System fand keineVerbreitung, die Heim'sche Stenographie wurde 1855 von Binder in Stuttgartneu veröffentlicht und, wie oben erwähnt, 1857 das Danzer'sche System vonPfarrer Fischbäck herausgegeben.
Auch die organisierten Schulen von Gabelsberger und Stolze hatten umdiese Zeit keine große Verbreitung. Der Gabelsberger'sche Centralverein inMünchen hatte 1853 5 Zweigvereine und 179 Mitglieder, von denen 115 aufBayern, 25 auf Österreich, 13 auf Preußen, 12 auf Sachsen entfielen; 18559 Zweigvereine und 236 Mitglieder. Die Stolze'sche Schule hatte 1851 12Vereine mit 357 Mitgliedern, 1855 22 Vereine mit 570 Mitgliedern. Fürdas Stolze'sche System hatten Dr. Nauck in Thüringen, Schäfer in Posen,Knövenagel in Hannover, Dr. Lobeck und Methlow in Sachsen lebhaft ge-worben, Dr. Lobeck gründete in Dresden einen Stolze'schen Verein, währendDuchant einen solchen in Leipzig ins Leben rief. Knövenagel gab ein Lehr-buch der Gabelsberger'schen Stenographie in Stolze'scher Schrift heraus, sowenig fürchteten diese Kreise die Rivalität des anderen Systems. Ein kurzerFreudentraum wurde der Gabelsberger'schen Schule 1854 durch das Journalvon Mimdt bereitet, welches alle norddeutschen Städte mit Gabelsberger'schenStenographen bevölkerte, leider waren alle diese Namen Phantasiegebildedes Redacteurs, eine Art Reclame, welche kein anderes System zuTage gefördert hat und auf welche Domvicar Alteneder in seinem Vor-trage über »Reclame auf stenographischem Gebiet« offenbar vergessen hat.Thatsächlich war das Interesse an der Gabelsberger'schen Stenographie soverblasst, dass der Münchener Centralverein sein Vorstandsmitglied G. Gerberauf eine Rundreise durch Deutschland schickte, um die Theilnahme wiederzu beleben. Dagegen gewann die Gabelsberger'sche Stenographie in Bayerneinen fruchtbaren Boden durch die 1854 erfolgte Einführung derselben alsfacultativen Lehrgegenstand an den höheren Schulen; zugleich wurdedie Preisschrift als Lehrmittel an allen bayerischen Lehranstalten eingeführt.
Die k. k. Staatsdruckerei in Wien stellte 1854 auf der Mün-chener Weltausstellung stenographischeTypen nach Stolze'schem Systemaus, welche leider zu groß waren, um in Lehrbüchern Anwendung finden zukönnen. Stenographische Typen nach Gabelsberger'schem System hatte schonzu Gabelsberger's Lebzeiten der Stempelschneider G. Schelter in Leipzig anzu-