74 Die Stenographie im 19. Jahrhundert.
in Deutschland der Kampf zwischen geometrischer und cursiver Schrift ent-sponnen. Es blieben übrigens Differenzen genug zurück und die wichtigstederselben ist die durch Stolze von Billharz entnommene Position. Dieswar kein Zufall. Stolze hatte den in K. F. Beckers Sprachlehre hervor-gehobenen Unterschied zwischen Stammsilbe und Formsilbe, zwischen Anlautund Auslaut tief in seine Seele aufgenommen, derselbe beherrschte ihn sosehr, dass er selbst zu Nebenzeichen griff, um den Unterschied besserdurchzuführen, wenngleich eine vollständige Durchführung misslang. HatteGabelsberger das Ideal vor Augen, die Schrift zum Bilde der Sprache über-haupt zu machen, so wollte Stolze in seiner Schrift ein grammatikalisches Bildderselben liefern; es war dies ein Irrthum, weil nicht die Schrift, sondernhöchstens die Abkürzung mit der Grammatik zu thun hat, aber dieser Irr-thum lag im Geiste seinerzeit und trug nicht wenig zur Verbreitungseines Systems bei. In der Position fand Stolze das Mittel, den Vocal in derStammsilbe consequent darzustellen, weniger gelang ihm dies in den Neben-silben. Man hat Stolze einen Theoretiker genannt, weil er systematischervorging, als Gabelsberger; aber in der Bildung von Abkürzungen hat dieserTheoretiker seinen auf dem Felde der Praxis arbeitenden Nebenbuhler über-troffen: mit wunderbarem Geschick verstand es Stolze, seine Präfixe auseinstufigen Zeichen zu bilden, welche sich leicht an die Stammsilben an-heften ließen, ebenso schuf er höchst einfache Kürzungen der Form- und Be-griffswörter, und wenn Gabelsberger in seinen »Neuen Vervollkommnungen«,allerdings gereizt durch die Darstellung, welche sein System in Stolze's Lehr-buch erfahren hatte, spottend über dasselbe bemerkte, »darin möchte so diewahre Methode für einen praktischen Stenographen gefunden sein«, so habendie Ereignisse gelehrt, dass er Stolze unterschätzte. Das Verhältnis derStolze'schen Stenographie zur Currentschrift war wie 1 -.47 (H. Gr. S. 280—85),stand also dem Gabelsberger'schen wenig nach. Aber so verschieden auchdie Grundsätze beider Systeme waren, darin stimmten sie überein, dass dieErlernung ungemein erschwert wurde (bei Gabelsberger durch dieUnregelmäßigkeiten, bei Stolze durch die Sigel). Dadurch, dass sich diesebeiden Systeme der Praxis bemächtigten, wurde die allerdings irrige Meinungverbreitet, dass dieSchwierigkeitderErlernungderStenographieeine nothwendige Folge ihrer Kürze sei.
Und doch waren es gerade diese Systeme, welche die Stenographiein Deutschland populär machten. Zu derselben Zeit, wo in EnglandPitman der allgemeinen Verbreitung der Stenographie die Wege bahnte,erklang in Deutschland Gabelsberger's geflügeltes Wort: »Die Stenographiesoll Gemeingut der Gebildeten werden« und Stolze sprach sich in gleicherWeise aus*). Es blieb aber nicht bei den Worten, man begann das Eisen zu
*) Dr. Chr. Johnen hat in einem Vortrage 1893 nachgewiesen, dass Gabels-berger dieses Wort niemals selbst gebraucht hat. In seinem Lehrbuche 1834 klagtGabelsberger im dritten Abschnitt, welcher vom Gebrauch und Nutzen der Rede-zeichenkunst handelt, dass man von einer eigentlichen Gemeinnützigkeit derselbenim Interesse aller gebildeten Stände noch sehr wenig Überzeugung gewonnenzu haben scheine und erörtert den Nutzen der Stenographie für einzelne Berufs-zweige. Der Sinn war somit vorhanden, wenn auch nicht das Wort, welchesübrigens damals nicht jenen die Volksschulbildung ausschließen den Be-griff hatte, der ihm später von Gabe/sbetger's und Stolze's Jüngern gegeben wordenist. Dr. Johnen verweist auf einen Brief Gabelsberger's an Heger (1843), worin esheißt: »er wolle an seinem System fortarbeiten, und die anderen Systemerfindersollten dasselbe thun, und was sich dann als gut bewähre, das solle Ge-meingut aller werden«. Stolze sagte in zwei Briefen (1852), er würde niemalsversucht haben, ein neues System zu gründen, hätte er nicht den Wunsch gehabt,dass die Stenographie einEigenthum des ganzen deutschen Volkes werde.