72 Die Stenographie im 19. Jahrhundert.
1824 legte er sein System der Akademie der Wissenschaften zur Prüfungvor, und diesem Umstände dürfte es zuzuschreiben sein, dass sich sein Lehr-buch zu einem 560 Seiten starken Quartbande gestaltete, der in der Ein-leitung über die Schrift als Darstellung der hörbaren Sprache in sichtbarenZeichen, über Begriff, Name und wissenschaftliche Begründung der »höheren«Geschwindschreibkunst, über Entstehung, Geschichte und Litteratur derselben,über ihren Gebrauch und Nutzen handelte, und eine Widerlegung der Be-denken und Einwürfe gegen dieselbe sowie eine Allgemeine Theorie derRedezeichenkunst brachte. Das Urtheil der Akademie fiel daher sehr günstigaus (nur die sprachwissenschaftliche Begründung der Zeichen fand denBeifall nicht, den er gehofft hatte) und Gabelsberger erhielt vom Mini-sterium den Auftrag, Personen zu Stenographen heranzubilden, zu welchemZwecke 1831 eine Staatsunterstützung von jährlich 1000 Gulden bewilligtwurde. Im selben Jahre war Gabelsberger in der Lage, ein Stenogra-phenbureau mit 9 seiner Schüler zu bilden.
Gabelsberger hat das Verdienst, die cursiven Schriftzeichenin der Stenographie, welche in England missachtet worden sind, parlaments-fähig gemacht und damit ihre Verwendbarkeit über alle Zweifel gestelltzu haben, er hat ferner das Verdienst, eine neue, kurze und deut-liche Vocalbezeichnung in die Stenographie eingeführt zuhaben; leider fehlte ihm bei seinem rastlosen Schaffen der Geist derSichtung, welcher das Überlebte entfernt und damit dem Neuen freie Bahn ge-schaffen hätte. Gabelsberger hatte ursprünglich die buc h stäblich eVocal-bezeichnung im Auge gehabt und danach seine Zeichen bemessen; dieneu entdeckte Vocalbezeichnung hätte die Umgestaltung desAlphabets zur Folge gehabt, wenn sie consequent durchgeführtworden wäre, aber daran dachte er nicht, er begrüßte sie als willkommenesHilfsmittel, wie er alles willkommen hieß, was zur Kürze der Schrift bei-tragen konnte, und so häufte er über richtigen Grundsätzen einen Ballastvon auswendig zu lernenden Schreibweisen und selten vorkommenden Kür-zungen. »Kürze der Schrift«, sagte Professor Oppermann in der Festredezum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum der Dresdener Beschlüsse, »voraus-gesetzt, dass sie nur deutlich war, war der oberste Grundsatz, vor dem allesonstigen Erwägungen in den Hintergrund treten mussten. Daher das Streben,möglichst viele Hilfsmittel für die kurze Gestaltung der Schriftbilder zu schaffen,damit, wenn die eine Bezeichnungsweise nicht kurz oder nicht prägnant genugwar, die andere an deren Stelle treten konnte, daher die Mannigfaltigkeitder Vocalbezeichnung, bald durch Formveränderung der Consonanten, balddurch Verschiebung der Stellung der Consonanten zu einander, bald aus-drücklich, bald ohne irgend welche Bedeutung, bald im Anlaute, bald im Aus-laute, ja mitunter an einer ganz anderen Stelle als der, wo der Vocal lautete;daher das Auslassen dieses oder jenes Consonanten in einzelnen Wörtern,während sie in anderen geschrieben wurden; daher das fortwährende Schwankenin der Unterscheidung der zusammengesetzten von der Silbenconsonanz, weildieser Grundsatz mit dem andern, jede Silbe womöglich mit einem Feder-zug abzuthun, im Widerspruch stand; daher die verschiedene Schreibungeines und desselben Wortes; daher das Fehlen bestimmter und consequentdurchgeführter Regeln in der Schreibkürzung.«
Gabelsberger war sich wohl bewusst, dass seiner Stenographie dieLeichtigkeit der Erlernung mangelte, erarbeitete 1840 eine »Deutsche Abbre-viaturschrift« aus, welche denjenigen, »denen die eigentliche Stenographieals ein zu mühsames und zuviel Zeit raubendes Studium erscheint«, die Vor-