Die Stenographie im 18. Jahrhundert. 33
Unter den Systemen mit buchstäblich eingefügten Vocalzeichen istdas von Blanchard 1779 veröffentlichte deshalb beachtenswert, weil Blan-chard das Nachschreiben von Reden als besonderes Ziel der Stenographiebetonte und sich rühmte, eine Rede in der Dauer von I Stunde 40 Minutennachgeschrieben zu haben, welche durchschnittlich 144 Worte in der Minuteenthielt. Allerdings schrieb Blanchard nicht jeden Vocal, sondern nur inWörtern, bei denen es ihm nothwendig erschien (H. Gr. S. 137). Mit voll-ständiger Vocalbezeichnung traten noch M. Nash 1783 und Thomas Rees1790/5 (und 1805 mit theilweise verändertem Alphabet) auf (H. Gr. S. 138).
Eine vierte Richtung schlug Simon Georg Bordley, ein katholischerGeistlicher, in seinem Cadmus Britanniens 1787 ein; er ist der erste, welchereine cursive Stenographie aufstellte. Sein Werk war lange vergessen,bis Dr. Westby Gibson eines der drei noch vorhandenen Exemplare durcheinen Neudruck 1890 wieder bekannt machte.
Edward Hodgson gab ausser seinem System noch ein für alle Steno-graphien passendes Kürzungsverfahren heraus, welches in der Aufstellungeiner großen Zahl symbolischer Zeichen bestand. Boswell bediente sich zumNachschreiben der Currentschrift, indem er Wörter nur halb schriebund andere ganz wegliess; als jedoch Johnson ihm aus Robert's Geschichtevon Amerika dictierte, musste er gestehen, dass er sehr unvollkommen nach-geschrieben habe. Doch erzählte Johnson noch Schlimmeres von Angell, zudessen Werke er die Einleitung geschrieben haben soll. Da dieser be-hauptete, der schnellsten Rede folgen zu können, stellte ihn Johnson aufdie Probe; obgleich dieser behauptete, langsamer als sonst gelesen zu haben,bat ihn Angell nach kurzer Zeit, aufzuhören, er könne ihm nicht folgen.Ähnlich erging es Byrom, der eine Predigt von Henley nachschrieb. Dieserließ ihn ersuchen, das Nachschreiben einzustellen. Byrom versprach, nichtszu veröffentlichen, aber das Nachschreiben lasse er sich nicht verbieten.Hierauf sprach Henley so schnell, dass der Stenograph nicht nachkommenkonnte. Es ist selbstverständlich, dass solche Anekdoten nichts beweisen,höchstens als Ausnahme die Regel bestätigen, dass im 18. Jahrhundertschnelle Reden von guten Stenographen nachgeschrieben wurden. Auch Ge-lehrte und Staatsmänner erlernten die Stenographie. Byrom hatte unter seinenSchülern Gibbon, den berühmten Geschichtschreiber Roms, über den erjedoch klagte, dass er langsam sei, ferner Horace Walpole und Lord Conway.James Weston schmeichelte in der Widmung seines zweiten Lehrbuches demParlamentsmitglied Lord Andover, dass er großen Nutzen von der Stenographiesowohl für die Aufzeichnungen, die er zu seiner Erinnerung und zur Ver-heimlichung für andere machte, als auch beim genauen Nachschreiben derReden und Debatten im Parlament gehabt habe.
Das Parlamentstand der Stenographie fremd, ja feindselig gegen-über, seine Privilegien zum Schutze der Mitglieder gegen politische An-klagen verboten jedem Fremden den Zutritt. Die Zeitungen, die erst im17. Jahrhundert entstanden und noch im 18. Jahrhundert klein und un-bedeutend waren, brachten nur dürftige Nachrichten aus demselben. ErstEdward Cave, der Begründer des am 1. Juni 173I erschienenen Gentleman'sMagazine, machte den ersten Versuch, regelmäßige Berichte aus dem Par-lament zu bringen. Johnson erzählt von ihm, er habe die Thürhüter bestochen,ihn und zwei Freunde, welche ihm helfen sollten, heimlich in das Haus ein-zulassen, wo sie dann auf der Gallerie oder an einem versteckten Orte dieReden nachschrieben. Nach der Sitzung begaben sie sich in ein benach-bartes Gasthaus, verglichen ihre Niederschriften und ergänzten dieselben
Faul mann, K., Geschichte und Litteratur der Stenographie. 3