20 Die Stenographie vom 10. bis Ende des 16. Jahrhunderts.
lernten schon mit dem ersten Lehrbuch, dem Donat, die Abkürzungenkennen; diese Kurzschrift galt als keine besondere Schrift, sondern dieAbkürzungen als eine selbstverständliche Erleichterung des Schreibgeschäfts,von der nur in der Schönschrift ein massigerer Gebrauch gemacht wurde.Die ersten gedruckten Bücher beweisen, wie allgemein der Gebrauch derAbkürzungen war; erst gegen Ende des 16. Jahrh. erlaubten sich die Buch-drucker, von der Anwendung der Abkürzungen Umgang zu nehmen, umsich die Letternanschaffung zu erleichtern. Von Dr. Crucigcr wird erzählt,dass er Reden wörtlich nachgeschrieben habe, er soll sich dabei gewissernur ihm verständlicher Abkürzungszeichen bedient haben, in welche erseinen Freund Georg Röhrer einweihte. Daniel Schwenter zeigte an einemBeispiel, wie man sich der Abkürzungen bedienen könne, um mathematischeVorträge nachzuschreiben (H. Gr. S. 39). Auch von Johann Jewel, Bischofvon Salisbury, wird berichtet, dass er die Disputationen von Peter Martyr,Ridley, Latimer und Cranmer (1549 — 54) wörtlich nachgeschrieben habe.
Im 12. Jahrhundert machte ein Geistlicher, John of Tilbury, (um I174)den Versuch, eine eigene zum Nachschreiben von Reden verwendbare Kurz-schrift herzustellen. Sein Werk ist verloren gegangen, nur ein Brief vonihm hat sich in mehreren Abschriften erhalten, in welchem er seine Ansichtenentwickelte. Danach kannte er die Tironischen Noten und wollte sie durcheine einfachere, gleich kurze Schrift ersetzen. Seine Buchstaben sollten auseinem aufrecht stehenden Strich bestehen, und die Verschiedenheit der Lautedurch Querstriche in verschiedener Stellung ausgedrückt werden, ausserdemsollten Punkte in verschiedener Form und Stellung die Wortendungen(titulae) anzeigen (H. Gr. S. 37).
In anderer Weise suchte der Arzt Timothy Bright in seinem 1588erschienenen Werke » Characterie« die Tironischen Noten wiederherzustellen,welche er selbst nicht kannte und von denen er nur wusste, dass sie ausZeichen für Wörter bestanden. Er bildete aus der senkrechten Linie, welcheer oben mit verschiedenen Strichen und Haken versah, 18 Lautzeichen(H. Gr. S. 41), durch unten angefügte zwölffache Veränderungen bildete erdaraus 216 Zeichen, welche für ebensoviel Wörter, hauptsächlich Haupt-,Eigenschafts- und Zeitwörter, dienten; durch Veränderung der Stellung konnteer 864 Wortbilder schaffen, doch begnügte er sich mit 556. Besondere kurzeZeichen dienten für eine Anzahl Partikeln. Um mit dieser geringen Zahl vonWortzeichen jedes englische Wort darstellen zu können, gab er ein Wort-verzeichnis bei und neben jedes dieser Wörter stellte er ein entweder gleich-bedeutendes oder das Gegentheil bedeutendes Wortzeichen; bei gleich-bedeutenden Wörtern wurde der Anfangsbuchstabe links, bei den gegen-theiligen rechts neben das Wortzeichen geschrieben, weshalb auch die Zeilennicht wagrecht, sondern senkrecht wie die chinesische Schrift laufen. Da erz. B. kein Wortzeichen für peril hatte, schrieb er das Zeichen für danger undsetzte links daneben p (so erklärt sich das Zeichen im zweiten Beispiel,H. Gr. S. 42), statt evil schrieb er good und rechts daneben e. In dieserWeise verwandelte er Abt in Bischof, Metall in Gold, Silber oder Blei, Engelin Teufel etc. Der mit solchen Zeichen geschriebene Brief des Tuns ausdem Jahre 1586 lässt erkennen, dass der Verfasser vor der Veröffentlichungdes Lehrbuches noch manches geändert hat. Das System ist geistreich undwenn seine Schwierigkeit sehr getadelt worden ist, so sind wir durch dieneuere Stenographie in dieser Beziehung nicht verwöhnt worden. Jedenfallsist dies System besser als sein Ruf, den es so lange hatte, bis ein Neudruckes in weiteren Kreisen bekannt machte.