Druckschrift 
Geschichte und Litteratur der Stenographie
Entstehung
Seite
22
Einzelbild herunterladen
 

22 Die Stenographie im 17. Jahrhundert.

wurden, in welche der Nachlaut-Consonant in halber Größe eintrat. Hierausentwickelte sich 4. das Streben, die Wörter einsilbig zu gestalten, weshalbVorsilben und Nachsilben durch eigene Zeichen ersetzt wurden, so dassnur derVocal der Stammsilbe zu bezeichnen war. Um die Wörterabzukürzen, gebrauchte er 5. currentschriftliche Buchstaben und symbolischeFiguren als Wortzeichen. Wenn John Willis auch in der 1623 erschie-nenen Auflage, nachdem Nachfolger mit angeblichen Verbesserungen seinesSystems aufgetreten waren, sich der vergeblichen Hoffnung hingab, dass seinWerk, das erste Buch mit alphabetischen Zeichen, alle angeb-lichen Verbesserungen überdauern werde, so hat seine Ahnung sich dochinsoweit bewährt, dass die von ihm aufgestellten Grundlagen derStenographie bis heute sich erhalten haben; die geometrischenZeichen bestehen in England noch jetzt, wenn auch in anderen Formen, diedeutsche Stenographie hat dieselben, nur in cursiver Form, Willis' Vocalbe-zeichnung hat sich in Gurney's System bis heute erhalten und in Gabeis-berger's Stenographie eine glückliche Fortbildung erfahren, das phonetischePrincip hat sich dauernd erhalten, die Abkürzung der Vor- und Nachsilbenhat sich überall als zweckmäßig bewiesen, und wenn seine Wortzeichen auchaufgegeben sind, so haben sie doch lange in englischen Systemen fort-bestanden, in Gurney's System sind sie zum Theil noch heute im Gebrauch.

Für die praktische Verwendbarkeit dieser ersten Steno-graphie (dieses Wort wurde von Willis zuerst gebraucht) liegen triftigeZeugnisse vor. Der gelehrte Samuel Hartlieb, Sohn eines Danziger Kauf-manns (andere erklären ihn für einen Elbinger), welcher damals in Eng-land lebte, berichtete 1630 aus London an einen Elbinger Freund, dass inden dortigen Schulen neben der hebräischen, griechischen, lateinischenund französischen Sprache auch die lateinische und englische Steno-graphie gelehrt werde, dass er von Amanuensen und Stenographenhabe die Predigten stenographieren lassen, weil die englischenPrediger ihre Meditationen und Predigten selten schriftlich abfassten. Kurzdarauf berichtete er aus Chilchester, dass daselbst gleichfalls die Schülerstenographieren lernten und schließlich sendete er seinem Freundeeine Abschrift der lateinischen Stenographie, welche sich heute noch aufder Stadtbibliothek zu Elbing befindet. Auch Comenius berichtete 1641 aneinen Freund in Lissa, dass ein gut Theil der Jünglinge und Männer inEngland den Predigten mit dem Griffel und zwar wörtlichfolgte mit Hilfe der Tachygraphie, die dort Steganographie (Geheimschrift)genannt werde, welche vor 30 Jahren, unter der Regierung Jacobs, erfundenund sogar schon unter den Landbewohnern verbreitet sei. Die-selbe werde in den Städten von fast allen, sobald sie die gewöhnlicheSchrift in der Schule sich zu eigen gemacht hatten, und zwar im Laufeetwa eines Jahres erlernt. Nach dieser Zeitbestimmung (1611 unterJakob I.) kann nur das System von John Willis gemeint sein. Georg PhilippHarsdörfer in Nürnberg, welcher das Werk Schwenter's (s. o. S. 20) fort-setzte, berichtet im dritten Theile desselben über englische Stenographie;er erzählt, dass es in England eine gemeine Sache sei, welche auchden Weibern bekannt, dass sie eine ganze Predigt Wort zu Wortnachschreiben und gibt eine Probe des Alphabets und der Vocal-bezeichnung von John Willis.

Schon früh tauchten Stenographen auf, welche gewerbsmäßig Theater-stücke nachschrieben, die dann ein speculativer Buchhändler druckenließ. Es ist eine so schwierige Aufgabe, auswendig gelernte und daher schnell