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Geschichte und Litteratur der Stenographie
Entstehung
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Die römischen Noten. j j

Ob Ennius, wie Isidor behauptet, der Erfinder dieser Abkürzungenwar, oder ob nach Probus die Senatsschreiber die Abkürzungen durch"Übereinkunft schufen, lässt sich heute nicht mehr entscheiden; sicher ist,dass der Gedanke, die Wörter abzukürzen, ein neuer war, denn man findetsolche Abkürzungen weder in den indischen noch in den Schriften derPerser und Phönicier, und bei den Griechen nicht früher, als bis sie mitden Römern in Verbindung traten, und dies lässt annehmen, dass der Ge-danke im Kopfe eines Erfinders (also Ennius) entstand.

Neben diesen Abkürzungen bestand bei den Römern eine eigene/.eicnenschrift (H. G. S. 23 ff.), welche keineswegs eine natürlicheFortbildung jener war, sondern in einem gewissen Gegensatz zu ihnenstand; denn während die Buchstaben der Abkürzungen verschiedeneWörter vertreten konnten, hat hier jedes Zeichen eine unwandelbareBedeutung und selbst wenn dasselbe Zeichen für mehrere Wörter gebrauchtwird, so zeigt ein Punkt in verschiedener Stellung an, welches Wort zulesen ist. Es ist sogar vermieden worden, die Buchstaben der Abkürzungenin der Zeichenschrift anzuwenden, (vgl. H. Gr. S. 20 und 23). Wird ein Wortdurch mehrere Zeichen vertreten, so sind dieselben zu Monogrammenverschlungen, besondere Zeichen wurden für die Endungen bei-gefügt. Um diese Zeichenschrift zu lesen und zu schreiben, musste manso viel Zeichen auswendig lernen, als die römische SpracheWörter und Namen hatte. Ihr Verhältnis zur Currentschrift war dasvon 1: 3 P 5 und wenn Martial den Stenographen mit den Worten feiert:

Mögen die Worte eilen, die Hand ist schneller als jene,

Noch hat die Zung' nicht ihr Werk, schon hat's die Rechte vollbracht,

so mussten die römischen Stenographen eine grosse Fertigkeit im Schnell-schreiben besessen haben.

Dass Marcus Tullius Tiro der Erfinder dieser Zeichenschrift war,bestätigt auch die Chronik des Euscbius, wo es heißt: »M. Tullius Tiro,Cicero's Freigelassener, welcher zuerst die Noten erfunden hat,wurde auf dem Landgute zu Puteoli fast an hundert Jahre alt«. Zwar wirddie Erfindung durch Plutarch dem Cicero selbst und durch Dio Cassiusdem Maecen zugeschrieben, der sie durch seinen Freigelassenen Aquilahabe lehren lassen, doch scheint hier, wie es in Rom üblich war, das Ver-dienst der Sclaven ihren Herren zugeschrieben zu sein und damit stimmtüberein, dass Seneca gegen die Behauptung, die Philosophie sei die Mutterder Künste, sagt: »Was soll man von den Noten reden, vermittelst derenselbst die schnellste Rede aufgenommen wird, die Hand der flüchtigen Zungezu folgen vermag? Sie sind das Werk der niedrigsten Sklaven. Die Weis-heit freilich thront höher, sie schult nicht die Hand, sondern die Geister.«Neuere Stenographen haben sich an dem Ausdruck: villisimorum manci-pioruin (niedrigster Sclaven) gestossen und in Seneca's Worte einenachtungsvolleren Sinn zu legen versucht, doch entscheidet der Schlusssatz:die vornehmen Römer gaben sich nicht die Mühe, ihrer Handdie Fertigkeit zu verleihen, einer schnellen Rede zu folgen, sieüberliessen derlei den Sclaven, welche sich auch die Zeichendazu bil deten.

Schon Lips hat gefunden, dass die Behauptung Isidors, Tiro habenur Zeichen für die Vorsilben aufgestellt, dunkel sei, und doch waren diesemGelehrten die Tironischen Noten, die er mit den Sigeln zusammenwarf,ihrer Form nach unbekannt. Der von Gruter veröffentlichte Codex scheintden Ursprung der Isidor'schen Ansicht darzulegen; er bringt an der Spitze