Schrift und Sprache. 3
fachung der Schrift zeichen macht einen Ausgleich zwischender Schnelligkeit der Schrift und Sprache möglich.
Stellt man an Stelle des Currentalphabets ein einfacheres auf,dessen Zeichen I —3 Handbewegungen, im Durchschnitt 2, erfordern, sowird die Schrift dreimal kürzer als die Gurrentschrift und ge-eignet sein, eine langsame Rede von 60—70 Worten in der Minutelautgetreu nachzuschreiben. Da ein schnelleres Sprechen nur aufKosten der vollständigen Aussprache jedes Lautes erfolgen kann, der Rednersomit die Sprache verkürzt, so kann eine entsprechende Verkürzungder vereinfachten Schrift auch bei schnellen Rednern das Gleich-gewicht zwischen Schrift und Sprache herstellen.
Der erste, der dieses Columbusei der Schrift frage richtig auf-fasste, war der französische Geistliche Cossard im 17. Jahrhundert. Erbliebunverstanden, wahrscheinlich weil man, an die breitspurigen Formen derGurrentschrift gewöhnt, von der Einfachheit seiner Schriftzüge Undeutlichkeitbefürchtete, zumal bei ihm lautverschiedene Zeichen, wie b c d, sich nur durchdie Grösse unterscheiden. Mehr Anklang fand sein Vorgänger, der eng-lische Geistliche John Willis, vielleicht gerade weil seine Zeichen, aus geo-metrischen Figuren gebildet, zwar schwerfälliger, aber besser unterscheidbarwaren. Aber die englische Schule betrat den natürlichen Entwick-lungsgang der Cossard'schen Schrift nicht. In der Hast, das höchsteZiel, das Nachschreiben der schnellsten Rede, bald zu erreichen, unterließsie es, eine Vollschrift zu Grunde zu legen, sie verlegte die Ab-kürzung schon auf den Anfang und befestigte somit die Anschauung, dassdie übliche Gurrentsehr ift für den gewöhnlichen Gebrauchbeizubehalten, und nur für das S ebne lischreiben eine eigeneSchrift, die Stenographie, anzuwenden sei; ja sie gab sogarAnlass, mit dem Begriff der Kurzschrift den der Geheimschrift zu ver-binden {Everardt spricht 1658 von der Kunst des Kurz-, Schnell- und Geheim-schreibens mittelst Zeichen, Bridges betitelt 1659 sein Buch: Stenographieund Cryptographie), um den Büchern einen besseren Absatz zu verschaffen.
Dennoch gebürt England die Anerkennung dafür, dass es denkurzschriftlichen Gedanken zuerst wieder angeregt und ge-pflegt hat, so dass allmählich bei den Gewohnheitsmenschen ein Verständnisdafür zu erwachen begann, dass es ausser der ererbten Currentschrift nocheine andere bessere Schrift geben könne. Dieses Verdienst gewinntan Bedeutung durch die Thatsache, dass die Nachbarländer zwei Jahrhundertehindurch den kurzschriftlichen Bestrebungen Englands fast verständnisloszusahen und selbst Nachahmungen wenig Anklang fanden.
Bei dem Wetteifer der Schriftsteller auf diesem neuen Gebiete konntees nicht fehlen, dass das Verhältnis der Laute zur Schrift näherins Auge gefasst, und indem man bei der Zeichenauswahl die Frage»warum« aufwarf, eine wissenschaftliche Grundlage der Schriftangestrebt wurde. Schon Willis ersetzte die durch gedankenlose Pedanterieins Leben gerufene Orthographie der Currentschrift durch die rein laut-liche Schreibung, er erdachte auch ein sinnreiches Mittel, den Vocal mitdem Consonanten gleichzeitig zu bezeichnen. An ihn schloss sich der deutscheGabelsberger an, der als Zeichenmaterial die Theilzüge der im Laufe derJahrhunderte unter dem Einflüsse der Schreibflüchtigkeit entstandenenCurrentschriftformen zwar nicht zuerst auffand, aber doch zuerst siegreichin die Kurzschrift einführte und das Kürzungsverfahren zu einem logi-schen System erhob.
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