Zille sah bei dieser intensiven Beziehung zur Umwelt man-cherlei was ihm auffiel. Sittliche und soziale Zustände. ImKapitel von seiner Künstlerschaft wird darauf eingegangen,wie das auf sein künstlerisches Werden einwirkte. Die Claramit dem Kellnerfrack als Feigenblatt, der versoffene Kom-modentischler und manche andere Gestalt aus seiner Kind-heit kann er heute noch — nicht nur mit dem Zeichenstift,sondern auch sehr lebendig durch Worte hinstellen. So er-zählte er von einer Frau Direktor, die mit fünf Tingel-Tangelmädchen in einer kleinen Wohnung über einem Roß-schlächterkeller hauste:
„Der Vertraute und Laufjunge der Kapelle war ich, da-mals zwölf Jahre alt. Trug Briefe weg, schleppte den mitKostümen vollgestoppten Reisekorb nach den Bahnhöfenoder in einen neuen Tingel-Tangelkeller Berlins. Auf dasPacken des Korbes mußte ich immer warten und mir dieZeit beschaulich ausfüllen.
Halbnackend, beim Waschen und Ankleiden übten sie nochdas neue Programm. Damals waren mir die Sängerinnen an-gezogen Heber. Die dunklen Flecke auf Brust und Leib warenmir Schönheitsfehler. Am besten gefiel mir die Thusnelda,vor allem, wenn sie auf dem hohen Veloziped Sonntags nachdem Tiergarten gondelte.
Mit fünfzehn Jahren war sie Kassiererin in einem anato-mischen Kabinett. Dann stand sie im Trikot ,Muster' voreiner Athletenbude in der Hasenheide. Auch machte sie den,Bunten Komiker', was man auch ,Klamotte oder Kittneese'nannte, auf einer Sommerbühne. Dabei mußte sie ,lautmachen', eine Trompete blasen. Am liebsten waren ihr.Hosenrollen'. Weil sie ein hübsches Mädchen war, geigte sieals ,Blindspieler' bei einer Damenkapelle den mit Seife ein-geschmierten ,toten Bogen'. Bei Castan war Thusnelda fürkurze Zeit die ,Dame ohne Unterleib', und ehe sieSängerin wurde, machte sie den ,Untermann' bei einem Par-terreakrobaten. Ihr damaliger Verehrer, ein Engros-
356