Die Frau des kleinen Beamten und der Kleinbürgerkreise,die Handwerksmeister-, Vorarbeiter- und kleine Händlers-gattin ist selten engherzig egoistisch. Sie sieht viel zuviel Auf und Nieder um sich herum, als daß sie verhärtenkönnte. Sie bringt allen Unglücklichen jenes mütterlicheGefühl entgegen, das auch die einfachste Frau mit einem ver-klärenden Schein umgibt. Die kleinbürgerliche Berlinerinhat stets ungezählte Wohltaten geübt, ihrer Nachbarin inschweren Stunden beigestanden, Hungernden den knurrendenMagen gestillt, alten Bettlern irgendein Kleidungsstück ausdem Schrank des Mannes hervorgesucht, armen Kindern derVerwandtschaft einen Weihnachtstisch bereitet und so imstillen in ihrer bescheidenen Axt nicht weniger Wohltatenverrichtet, wie manche öffentlich gelobte Vereinsdame undWohltätigkeitshyäne. Und dabei sieht es meist in ihrer Häus-lichkeit sauber aus, auch hält sie die Wäsche und die ganzeWirtschaft allein in Ordnung. Ihr haftet allerdings oft was! Spießbürgerliches an; sie ist fast nie interessant und pikant —denn sie hat reichlich genug mit ihrer Wirtschaft, ihren Kin-dern und ihrem Mann zu tun.
Die Frau des kleinen Handwerkers und des Arbeiters istimmer dem schwersten Lose des Weibes verfallen gewesen.Sie mußte, wenn sie nach jahrelangem Arbeiten für andereendlich dazu kam, für sich zu wirtschaften, alles in Ordnunghalten, mit bescheidenen Groschen die Mahlzeiten bereiten,die Kinder besorgen, den Mann betreuen und nur zu oft nochselbst mit hinzuverdienen. Jede Frau wird wissen, was esheißt, mit zwei Armen Geld schaffen und zugleich kochen,scheuern, nähen, waschen, Kinder nähren und warten undsich die gute Laune behalten. Denn die hat die Berlinerinsich meist nie nehmen lassen. Wenn es ihr zu arg wird,schimpft sie sich mit den Nachbarinnen oder mit ihremMann herum — und sie ist wieder obenauf. Wie viele sol-cher Frauen haben schon stets unermüdlich für andere ge-arbeitet, gewaschen, geplättet, aufgewartet und gescheuert!Sie sparten sich womöglich dabei das Essen vom Mund ab,
288