reicher sind, auch im Bett. Die greisenhaft komischen,manchmal auch ganz jungen und überreifen Insassen diesesHerrenhauses der Armut, das Selma Lagerlöf geschriebenhaben könnte, sind von unerhörter Naturtreue. Einen vonihnen nennen sie Kasimir, der ist wie der arme Tom im Lear.Ein Irrer, der einen nackten Plattschädel zwischen zwei Haar-büscheln trägt und die gefolterten Augen nach innen dreht,ein Nietzschekopf im letzten Stadium, der ein gehetztes, wissen-schaftliches Kauderwelsch hersagt und ständig das Pensumeines in ferner Kindheit dunkelnden Gymnasiums daher-plappert: ,pepaideuka, pepaideukas', und manchmal sagt erauch mit herrischen Gebärden: ,Accent aigu,, accent grave'.Die Alte dort am Ofen, die auf jeden Fremden mit sehn-süchtig dürstenden Blicken zueilt, ist die Schönste des Hauses:eine verlebte 63jährige Dirne, aber von biegsamer Schlank-heit der Glieder und mit den klugen leuchtenden Augen einesgestrandeten Lebens. Die Graue hat dem Meister Zille, wenner gut gelaunt war und Geld ausgab, um Schnaps zu trinkenund Speck und Käse zu holen, oft Modell gesessen. Und esheißt, daß der Meister ihrem Liebsten, der blind wurde, einegrößere Summe Geld gegeben hat, um ihn vor dem Elend zubewahren. Jedenfalls verfügt sie über größere Autoritätgegenüber den jüngeren Weibern und ist Gebieterin auch übereinen Teil der Männer, die hier auf der Lauer herumsitzenund sich nach einem Spender sehnen. Da ist der Bingnepperund der Spritzapotheker und der Diskantjunge im Mufflonfellmit Puderquaste, grünem Kleid und roter Bluse, die Musi-kantin mit dem fanatischen Ausdruck der Lesbierin, dem in-telligenten Gesicht und den gestorbenen Pupillen, dazu dieFahrer in den tschechischen Äppelkähnen, die HamburgerStüermanns, die Händler mit Knöpfen und Hosenträgern,die Hofsänger und die Fuhrleute, und wenn einer Geld zeigtund es eine Stubenlage gibt, lacht das ganze Milieu."H. v. Zwehl fragte einst Zille:
„Und der Nußbaum? Und das Geld für den Blinden?"„Det Nußbaumhaus," sprach Zille langsam, „ja, det habe
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