Schluß.
Wir haben also gezeigt, daß uns das Märchen, diese sachlicheKunstform, die neben Gemeinschaftsmotiven auch in einer die Ent-wicklung der Handlung bestimmenden Weise Wundermotive verwendet,aus dem Orient als Niederschlag eines dort heimischen Märleins gekom-men ist, und wir fügen bei: Wollte man als die Zeit, wo das erste Märchenentstanden ist, das späte Mittelalter noch nicht gelten lassen, so würdeman auf der Suche nach dem ersten Märchen etwa zu Straparola oderzu Donis Vorgänger kommen oder, bei einer noch größern Skepsis,als sie uns Skeptikern eignet, sogar zu Basile oder Perrault; Versucheaber, das Märchen schon vor der Zeit des ersten Eindringens orien-talischer Stoffe in die erzählende Dichtung Europas zu konstruierenmüßten aus den sattsam erörterten Gründen durchaus fehlzuschlagenverurteilt bleiben.
Dies ist die letzte, keineswegs aber die wichtigste Erkenntnis,die wir in langer, mühseliger Arbeit gewonnen haben; sie krönt jajetzt das Gebäude, das wir errichtet haben, aber wir hätten sie schonlängst irgendwo an der Fassade als Zierat anbringen können, vielleichtschon damals, als wir die Herkunft des Märchens aus den Wunderndes Mythos erklärten. Damals aber hatten wir vor allem weitervorwärts zu schreiten und durften dem Blick keinen Ruhepunktgönnen, der ihn vielleicht von dem Ziele abgelenkt hätte. Wir hattenschon erfaßt, was eigentlich die älteste, die Einfache Form der Erzäh-lung ist, wir hatten die Motive umgrenzt und kategorisiert, die zudieser Einfachen Form, zu der Geschichte gehören, wir hatten gesehen,wie aus dieser Einfachen Form die Kunstformen der Sage, der Legende,der Natursage zubereitet worden sind, wir hatten auch die Zubereitungdes Mythos erschlossen, aber als was das Märchen betrachtet werdenmuß und worin es sich von dem Märlein unterscheidet, das wir alsErzählungsform noch nicht ins Auge gefaßt hatten, das blieb nochzu erheben. Nun hatte sich unsere Arbeit, wenn sie redlich dasleisten wollte, was der Titel versprach, nicht nur auf die Aufstellungeiner neuen Lehre oder auf Teilbewährung alter Lehren zu beschränken,sondern sie mußte auch den Druck einer sozusagen öffentlichenMeinung, die den Forscher auf einen Weg zu drängen trachtet, dernach unserer Meinung ein Irrweg ist, der obendrein in eine Sackgassemündet, zu lockern oder gar zu beseitigen versuchen, und da schiendenn die Zeit für die Vorbereitung dieser Auseinandersetzung gekommen.Es galt also vorerst festzustellen, was die Vorgänger der finnischenSchule gewollt hatten, die Brüder Grimm, denen wir uns wiedernäherten, ihre Antipoden, Andrew Lang und der Längs Theorien auf dieSpitze treibende Saintyves, dann der noch immer junge Benfey samt sei-nem leidenschaftlichen Anhänger Cosquin, überall mußte herausge-arbeitet werden, was heute noch von Wert und was überholt ist, und andem Ende dieses Abschnitts hätten wir zum zweiten Male schon zudem vorstoßen können, was jetzt das Ende unserer eigentlichen Unter-suchungen bildet; allerdings hätte es auch jetzt noch anders um-