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Versuch einer Theorie des Märchens
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Jede junge Wissenschaft hat mit erheblichen Schwierigkeiten zukämpfen: Neuland ist immer schwerer zu bestellen als alter Kultur-boden, und die Mittel und Methoden, die sich auf dem seit langembebauten Erdreich bewährt haben, versagen zumeist auf frischerRodung. Langsam nur sammelt man Erfahrungen, nur nach und nachwird man sich klar, daß der Weg, der am leichtesten gangbar schien,nicht der ist, der am raschesten zu dem Ziele führt, und mit der Zeiterweisen sich Sätze, die man als Axiome verwandte, als irrig, Arbeits-hypothesen als nutzlos oder gar gefährlich. So ist es auch der Wissen-schaft ergangen, die sich mit dem Märchen beschäftigt und eine Reihevon Fragen, vor die sie sich gestellt glaubt oder die sie selber auf-geworfen hat, lösen will, um das Märchen an der ihm unter den andernErzeugnissen des menschlichen Geistes gebührenden Stelle einzuordnenund sich selber den unter den andern Wissenschaften beanspruchtenPlatz zu erobern; wenn auch heute, von ihr geschaffen, Erkenntnissein einer Menge vorliegen, die sich vor hundert Jahren, als ihre erstenForscher zu arbeiten begannen, niemand hätte träumen lassen, soist sie doch dabei an einem Punkte angelangt, wo es zwar sicher ist,daß sich diese Erkenntnisse noch immer leicht vermehren lassenwerden, wo es aber trotzdem den Anschein hat, daß bishereigentlich nichts geschaffen worden ist als kantiges Stückwerk, dassich zu keinem Ganzen fügen und runden will. Allerdings gibt esunter ihren Vertretern leicht zu befriedigende Menschen, die das bisjetzt Erreichte für so wesentlich und wertvoll halten, daß sie derderzeit herrschenden Schule mit Begeisterung Gefolgschaft leisten;andere aber klagen, daß diese Wissenschaft heute nur Kärrnerdienstean dem Wege verrichte, den sie königlich auszubauen hätte. Muß dasso sein ? muß das so bleiben ? Sollte es nicht möglich sein, daß wiedereinmal ein Anstoß gegeben wird, der die noch immer junge Wissenschaftein Stück vorwärts treibt?

Leider schließen das die bisher nacheinander verfolgten Methodenaus, auch wenn sich die Wissenschaft von dem Märchen all die Lehrenzu eigen machen wollte, könnte und dürlte, die die noch jüngereEthnologie und die durch sie verjüngte Mythologie beigestellt habenund beistellen werden; denn fast unverändert ist die Grundlagegeblieben, die sich die Wissenschaft von dem Märchen in ihren An-fängen gegeben hat, und hat man sie zeitweilig verlassen, so ist mandoch immer wieder zu ihr zurückgekehrt. Heute gilt schier allgemeindie Ansicht, das Märchen wir nehmen das Wort vorläufig in demjetzt üblichen Verstände, der sich mit dem der Brüder Grimm decktsei in dem Kindheitszustande der Menschheit, wo alle Naturgegen-stände als beseelte und belebte Wesen aufgefaßt wurden, die ersteForm der Erzählung, sei also älter als Mythos und Sage (Bolte-Polivka,IV, 166), und daß man solchermaßen auf einen Standpunkt geratenist, der zwar, was die Entwicklung dieser Formen betrifft, den derBrüder Grimm verwirft, aber die geheimnisvolle Geburt des Märchens