Götter und Zauberer. 65
würde sich etwas andres ergeben, als daß wir das Wort Märchen überallnur durch das Wort Mythos zu ersetzen brauchen, um das Richtigezu erhalten, das unsere Theorie bewährt; diese bewährt übrigensGunkel auch mit seinen eigenen Worten, indem er sagt (73): „DiesesVolk (Israel), in seinem leidenschaftlichen Bestreben, nur den einenGott zu verehren, hat alle Erzählungen, die ihm über irgendwelcheandere Götter zukamen, entweder ausgerottet oder seinem Jahvezugeschrieben."
Sollen hier die „irgendwelchen Götter" einen Gegensatz bildenzu den „hohen Göttern" in seiner Definition des Mythos? Vielleicht;denn in einer Fußnote zu dieser Definition sagt er nach der Fest-stellung, daß sich sein Gebrauch des Wortes Mythos von demWundtschen (der dafür Göttersage hat) unterscheidet: „Doch liegtdieser Abweichung nur eine praktische Rücksicht zugrunde. Sollteman also einen andern Sprachgebrauch vorziehen, so würde sich dochdarum die Sache nicht ändern", und weiter heißt es (8): „Für unsereZwecke ist eine solche Anordnung (Priorität des Märchens vor demMythos und der Sage) nichts andres als eine ,Arbeitshypothese', derwir folgen, weil und solange sie imstande ist, den vorliegenden Stoffzu durchdringen, und die wir aufgeben, sobald sich ihr im Stoffeselber Schwierigkeiten entgegenstellen."
Nun, auch wir, die wir einen andern „Sprachgebrauch" vor-ziehen, müssen zugeben: Gunkel hat alle Schwierigkeiten überwundenund den bündigen Beweis geliefert, daß die Weisen Israels „dieErzählungen von andern Göttern" gesichtet und geprüft, das zurVereinigung Geeignete zubereitet und es auf ihren Gott übertragenhaben.
Bei unserer Erörterung des Verhältnisses zwischen Mythos undMärchen, die allerdings weit ausgreifen mußte, war es natürlichunmöglich, das Arbeitsgebiet der Religionswissenschaft völlig zuumgehen; immerhin glauben wir, mit gesicherten Forschungsergeb-nissen nirgends in Widerspruch geraten zu sein. Nützlich für alleFälle rpag es jedoch sein, festzustellen, daß uns die meisten Problemeder Religionswissenschaft bei unserer Arbeit nur wenig berühren unddaß auch die noch immer in dem Vordergrunde des Gelehrtenstreitsstehende Frage, ob der Religion die Priorität vor der Magie zukommtoder umgekehrt, für die Frage nach dem relativen oder absolutenAlter des Märchens ohne wesentliche Bedeutung ist. Um wieder zudem Beispiel der Verwandlung zurückzukehren: Die griechischenGötter verwandeln sich und andere, die thessalischen Zauberinnentun desgleichen, die Zauberer der heute noch Primitiven ebenso; dieGötter aber hatten, als der Mythos v6n ihnen zu erzählen begann,ihr Können seit längst verwichenen Zeiten geübt gehabt, währendüber die Taten der Zauberinnen und Zauberer von Zeitgenossenberichtet worden ist und noch heute berichtet wird. Keinem Mytho-graphen hätte es einfallen können, zu sagen, ihm wäre von Leuten,
5 Präger Deutsche Studien, Heft 45.