84 Wahngläubigkeit in Indien
Oder: außer unsern Kindern werden wohl heutezutage nur wenigeMenschen in Mitteleuropa das, was von Ferenand getrii und Ferenandungetrü erzählt wird, für wahr halten; wie steht es aber mit jenenVarianten — sie sind freilich nicht häufig —, wo der Held alle die ihmgestellten Aufgaben durchzuführen vermag, weil ihm der Teufel hilft ?oder wo ihm der liebe Gott oder die heilige Jungfrau zur Seite steht?Jeder unter uns kennt gewiß Leute, denen er unbedenklich zutraut,daß sie eine solche Erzählung für wahr halten oder sie zumindest fürdas nehmen werden, was wir eine Geschichte genannt haben. Diearabische Erzählung, wo der Schwiegersohn des Propheten, der Imäm'All, die Rolle des getreuen Ferdinand spielt (R. Paret, Die legendäreMaghäzi-Literatur, 1930, 138), darf keineswegs als Märchen, sondernmuß als Legende bezeichnet werden, und geradezu eine Geschichteist die älteste bisher gefundener Darstellung, nämlich die in demKing li jü siang, einem im Jahre 516 gemachten Auszug aus buddhisti-schen heiligen Schriften (Chavannes, III, 258 f., n° 470; Wesselski imArch. Orient., I, 82); der Jüngling, der nach listiger Erwerbung vondrei Wunderdingen dem Könige das ersehnte Mädchen zuführt, sieaber dann selber heiratet und König wird, verdankt das alles einemin einem frühern Leben gespendeten Almosen*).
Schon aus diesen wenigen Beispielen erhellt, daß das Märchennicht immer als Märchen entsteht, sondern oft erst durch Überwindungvon Raum und Zeit zum Märchen wird, und diese Erkenntnis legtuns die Pflicht auf, das nachzuholen, was bisher, nicht absichtslos,unterlassen worden ist, nämlich eine Umschreibung des BegriffesMärchen zu versuchen.
VI.
Der Abbe" Dubois, der es in den mehr als dreißig Jahren (1792bis 1823), die er in Südindien als Missionar verbrachte, verstandenhat, sich die Liebe und das Vertrauen der einheimischen Bevölkerungim' höchsten Maße zu gewinnen, berichtet gelegentlich (143), daß esgewisse Mantra gebe, die den, der den richtigen Schlüssel zu ihrerAussprache habe, befähigten, jedes Wunder zu bewirken, und alsBeispiel führt er folgende Erzählung an:
In diese Kunst hatte Siva den Sohn einer Brahmanenwitwe ein-gewiesen, und da dieser einmal ob des Makels seiner Geburt von einemHochzeitsfeste seiner Kaste ausgeschlossen blieb, rächte er sich, indemer, als sich die Gäste zum Mahle versammelt hatten, zwei oder dreidieser Silben durch eine Ritze in der Tür sprach; sofort verwandeltensich alle für das Fest bereiteten Gerichte in Frösche. Natürlich ent-setzten sich alle und fürchteten noch Ärgeres; sie entschuldigten sichdaher bei dem Bankert, und er kam und sprach dieselben Silbenrückwärts: da verschwanden die Frösche, und an ihrer Statt erschienendie frühern Speisen.
*) Zu den Aufgaben, die sonst der Held vor der Zuführung der Braut aufAnstiftung eines oder mehrerer Neidischer zu erfüllen hat, vgl. das Dhammaddhaja-Jätaka (n° 220); damals war der Neiding Devadatta, der Buddha aber der Held,nach dem das jätaka genannt ist.