Schluß. 197
schrieben werden müssen, da wir uns noch nicht die für uns so wesent-liche Erkenntnis erarbeitet hatten, claß Indien samt dem ganzenOrient das Märchen gar nicht kennt. Diese führte uns zu einerDefinition des Märchens und des Märleins, und diese wieder legte uns dieNotwendigkeit einer Untersuchung der Grimmschen Märchensammlungauf, von der die Märchenforschung ihren Anfang genommen hat. 1Dabei wurden wir inne, daß sich das Märchen geradeso wie das Märlein /im Volksmunde nur erhalten kann, wenn es ab und zu, in möglichstkurzen Zwischenräumen auf Märchenpfleger stößt. Nun war, allerdingsnicht ohne Feststellung weiterer Prämissen, die Möglichkeit gegeben,die Theoreme der „geographisch-historischen Forschungsmethode" einer -fruchtbaren Kritik zu unterziehen, vor allem das von der Minder-wertigkeit der literarischenDokumente gegenüber dem sogenanntenVolks-märchen, das für uns wieder Einfache Form, Geschichte, geworden war.Wir führten die These von der angeblichen Stabilität der erzählendenVolksüberlieferungen ad absurdum, ebenso wie die von der Vollkommen-heit der Grundform, die schon alle Motive der spätem Darstellungenenthalten haben müßte, samt der mit ihr verquickten Behauptung,eine ursprünglich selbständige Existenz der Motive sei undenkbar,sondern jedes von ihnen habe von Haus aus seinen Platz in einembestimmten Märchen gehabt; das gleiche Los traf dann auch die Thesevon der Verbreitung der Märchen von Individuum zu Individuum,von Volk zu Volk, der wir die selbstverständliche Verbreitung durchMärchenträger entgegensetzten, und schließlich wiesen wir nach,daß heutezutage in deutschen Landen als Märchenträger fast aus-schließlich das Druckerzeugnis in Betracht kommt, wobei wir dieNutzanwendung auf das übrige Europa und den Erdkreis dem Leserüberließen, der überhaupt das vorläufige Schlußwort zu sprechenhaben wird. Wie wird dieses ausfallen ?
Dieser Plural, in dem ich bisher gesprochen habe, ist kein Pluralder Affektion; er entspringt dem Unbehagen, das einen befällt, wennman sich bei wichtigen Entscheidungen allein sieht. Von Anfang anhabe ich mir bei dem Niederschreiben meiner Meinungen vorgestellt,ich spräche sie in Gegenwart einer mir wohlgesinnten sachverständigenZuhörerschaft aus, und schien mir diese zuzunicken, so war alles gut;glaubte ich aber Zeichen einer Mißbilligung zu bemerken, die ja beidieser Zuhörerschaft nicht faktiös sein konnte, so überlegte ich noch-mals, und oft hatte ich den fingierten Zuhörern dankbar zu sein, daßsie mich schon bei der Niederschrift eines Gedankens zu einer Ein-schränkung zwangen, die ich sonst später mit mehr Beschwerlichkeithätte vornehmen müssen. Es kann sein, daß ich nicht mehr viel schrei-ben werde, aber was immer es sein wird, das ich noch schreiben werde,in jeder Pause werde ich mich bei der einem Einsamen allein mög-lichen, bei der fingierten Zuhörerschaft rechtfertigen, die freilich nichtreden kann, die aber das ebenfalls stumme Gewissen ersetzt. Voll-auf ist mir bewußt, daß dieses Buch nur wenigen zur Freude undvielen zu Leide geschrieben sein wird, aber meine stummen Zuhörerbedeuten mir, daß es gar nicht anders sein könnte. Denen, die sichüber das Buch freuen werden, braucht nichts weiter gesagt zu werden;die aber, denen es unlieb ist, mögen sich sagen lassen, daß seine