Die These von der einheitlichen und harmonischen Grundform. 157
des gedruckten Wortes so gering angeschlagen werden, daß in demganzen Kapitel über die ungeheuere, die unglaubliche, die außergewöhn-liche Stabilität der Volkserzählungen die Möglichkeit, daß auch diegedruckten Märchen, deren wichtigste Sammlungen in Deutschlandin Millionen von Exemplaren verbreitet sind, irgendeinen Einflußgenommen haben, nicht einmal erwähnt wird?
Wenn dies am grünen Holze geschieht, wenn ein Gelehrter, dersich zwar als Vertreter der Finnischen Schule bekennt, ansonsten aberden Anspruch erhebt, „gegen die mangelhafte Praxis der finnischenForscher mit nicht geringerer Entschiedenheit angekämpft zu habenals Wesselski", der sogar die Hoffnung ausspricht, Wesselski werdeihn „als seinen Bundesgenossen in dem Kampfe gegen die Vernach-lässigung^ der literarischen Traditionen durch die Finnische Schuleanerkennen" (Hess. Bl. f. Volksk., XXVIII, 208 f.), Behauptungen,wie die soeben charakterisierten, aufstellt, dann ist es begreiflich, daßdie Verächter der Literatur in dieser Verachtung nur noch bestärktwerden; sie bedürfen ja derartiger Theorien, für die die Beweise simu-liert werden müssen, um die Volksüberlieferungen auf den Thronsetzen zu können, der den literarischen Denkmälern gebührt, und wiewichtig es war, die Ungeheuerlichkeit einer Ungeheuern Stabilität derVolkserzählungen aufzuzeigen, erhellt aus den Worten Kaarle Krohns(114), wonach „die vergleichende folkloristische Forschung der Vor-aussetzung des Fortbestehens des. ursprünglichen Gebildes trotz allenzeitlichen und örtlichen Variationen bedarf."
XI.
Die Finnische Schule oder „die vergleichende folkloristischeForschung" bedarf jedoch nach Krohn (114) neben dieser Voraus-setzung des Fortbestehens des ursprünglichen Gebildes trotz allenzeitlichen und örtlichen Variationen noch einer andern Voraussetzung,nämlich der „einer, wir könnten sagen, organisch einheitlichen Grund-form, von der die verschiedenen Varianten einer internationalen Volks-überlieferung ausgegangen sind." Wie man sieht, sind diese zweiVoraussetzungen voneinander bedingt: soll das ursprüngliche Gebilde|ortbestehen, so ist dieses eben die Grundform, von der alles ausgeht;man wird aber doch hinter dieser Umformulierung etwas mehr sehenmüssen als ein bloßes Spiel mit Worten.
Daß für Aarne jedes Märchen „ursprünglich eine feste Erzählungist, die nur einmal an bestimmter Stelle und zu bestimmter Zeit ent-standen ist", haben wir oben gesehen (S. 145), und diese feste Erzählungdarf man wohl dem gleichstellen, was er anderswo die ursprünglicheForm oder die Urform nennt, der er die Eigenschaften des Einheit-lichen und Harmonischen zuerkennt (46), was wieder zu dem organischEinheitlichen stimmt, das Krohn der Grundform zubilligt. Jedenfallsist nach Aarne (40) für den „Forscher, der die geographisch-historischeMethode benützt", das erste Ziel „die Aufsuchung der ursprünglichenForm des Märchens", und Krohn kleidet das so ein, daß es gelte,gerade die Grundform möglichst genau festzustellen; nach Krohn hatdas zu geschehen „durch eine analytische Untersuchung, die von