Literarische Quellen volkstümlicher Erzählungen. 123
Erzähler, die also imstande sind, das Märchen entweder wieder her-stellen oder es anders neuzumachen, so muß sich das Märchen ver-zerren, muß seinen Gehalt verlieren, muß sterben. Je reicher einVolk an solchen Menschen ist, die man vielleicht Märchenpflegernennen kann, die die Geschichte, die Einfache Form, wieder zu einerSachlichen Kunstform, zu einem Märchen machen, desto reicher wirdder Märchen Vorrat dieses Volkes sein, und man sieht deutlich, daßdie Existenz der Märchen als im Volke umlaufender Geschichten vondiesen Märchenpflegern abhängt.
VIII.
Daß die Brüder Grimm auch bei aus dem Volksmunde stammendenMärchen und Märlein gelegentlich literarische Erzählungen benützthaben, haben wir u. a. schon bei dem Dornröschen gesehen; eineähnliche Beobachtung kann man bei dem Märchen von Hansel undGretel machen, bei dem freilich, wenn man nicht annehmen will,Wilhelm Grimm habe es bereits in der für Brentano gemachten Nieder-schrift „in seiner Weise erzählt" (Lefftz, 40 t.), schon die Fassungdes Gewährsmanns eine solche motivische Übereinstimmung mit einemandern Perraultschen Märchen aufweist, daß es der Note ,,cf. Perraultpetit Poucet", die Jacob an den Rand der Handschrift zu der dortBrüderchen und Schwesterchen genannten Erzählung gesetzt hat,nicht bedurft hätte, um die Abhängigkeit von der literarischen Dar-stellung in die Augen springen zu lassen. Bei dem 20. Stück dieserHandschrift wieder besagt eine Anmerkung: „Die junge Americanerin,Ulm 1765. Th. I. p. 30—231", was wohl ebenso nur bedeuten kann,daß Jacob erkannt hat, daß die ihm von irgendeinem Gewährsmannals volksmündlich zugekommene Geschichte diesem Buche nach-erzählt ist, und aus eben diesem Buche, das eine Übersetzung derContes marins ou la jeune Americaine der Mme. de Villeneuve (1740)ist, scheint Jacob selber das 37. Stück, betitelt Murmelthier aus-gezogen zu haben. Auch bei der n° 22 dürfte Jacob der Bearbeiterder literarischen Quelle gewesen zu sein; wenigstens läßt sich diesaus der Anmerkung schließen, die lautet: „Den alten Grund so gutmöglich ausgezogen aus einer schändlich verdorbenen modernisirtenErzählung in den Sagen der böhmischen Vorzeit", und ähnlich scheintes sich mit dem 23. Stück, dem Mährchen von Fanfreluscliens Haupte,zu verhalten, dem zum Schlüsse angefügt ist: „Veit, oder GuidoHampton (Reichard, Rom. bibl. 17, p. 64—70), wo es der Gui seinerGeliebten Violette erzählt". Von diesen vier Märchen ist nur dasvon dem Drachen (n° 20) einer Aufnahme in die Kinder- und Haus-märchen gewürdigt worden, und zwar wird es in der ersten Auflage(I, Anhang, XLV) als Variante zu der n° 68 mitgeteilt, während inden Anmerkungen, 1822 und 1856, nur noch ein kurzer Auszugin den Noten zu dem Singenden springenden Löweneckerchen steht;dabei fehlt jeder Hinweis auf die Tatsache, daß die n° 68 der erstenAuflage selber (Von dem Sommer- und Wintergarten) in letzter Linieauf dieselbe Vorlage wie das Märchen der Villeneuve zurückgeht,nämlich auf La belle et la bete der Madame d'Aulnoy, und daß