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Versuch einer Theorie des Märchens
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Die Herkunft des Märchens aus dem Morgenlande. 195

muß, diese Entwicklung, die bei den meisten unserer Märlein nochimmer nicht abgeschlossen ist, so daß sie rechtens noch gar nicht Märchengenannt werden dürften, gibt es bei dem fremden Märlein nicht: dasExotische, das Unerhörte an ihm tritt sofort als Wundermotiv in Er-scheinung, und was der Märleinträger in Indien oder Kleinasien mit-genommen hat, ist an dem Ende seiner Reise ein Märchen geworden.

Ich meine also: Europa, dessen Kulturländer sich im Mittelalter,was die Wahngläubigkeit betraf, kaum voneinander unterschieden,wo es kaum einen noch der frühesten Kultur entstammenden oderin sie übernommenen Wahn gab, der schon als überwunden, als fremdgeworden hätte gelten können, wäre zu dem Märchen erst sehr spät,vielleicht sogar nie gekommen, wenn es nicht die ersten Märchen alsMuster und Vorbilder aus der Fremde empfangen hätte, und daß dieseFremde der Orient sein muß, liegt auf der Hand.

Ich habe die Beweisführung dem Beispiele des Asinarius ange-paßt, weil mir sicher zu sein scheint, daß die Geburt eines Tieres auseinem Menschenpaar in Europa auch schon im Mittelalter nicht alsWahnmotiv, sondern als Wundermotiv anzusprechen ist; das Gegen-teil wird ja niemand zu beweisen imstande sein, aber die Triftigkeitmeiner Argumentierung wird jedermann bestreiten können, indemer einfach behauptet, es sei nicht ausgeschlossen, daß einmal Spurengefunden oder Tatsachen entdeckt würden, die den Schluß zulassenkönnten, daß sich die primitive, praemythologische Anschauung vonder Wesenseinheit des Menschen und des Tiers in irgendeinem WinkelWesteuropas bis über die Blütezeit der Scholastik lebendig erhaltenhätte, so daß damals wenigstens dort eine menschliche Tiergeburtsamt der trotz menschlichem Denken und Handeln bis zu der Zeitder männlichen Reife dauernden tierischen Existenz noch nicht alsetwas schlechterdings Unmögliches empfunden worden wäre*). Darumunterlasse ich es, die Überzeugung, die ich gewonnen habe, daß nämlichdas erste europäische Märchen, das Wort natürlich in der Bedeutungeiner Erzählung genommen, die in einer die Entwicklung der Handlungbestimmenden Weise Wundermotive verwendet, schon im späten Mittel-alter zu finden ist, als These aufzustellen; aber daß das erste euro-päische Märchen und damit das älteste Märchen überhaupt aus demMorgenlande stammt, das glaube ich auch für den Zweifelsüchtigsteneinwandfrei bewiesen zu haben.

Die nur Gemeinschaftsmotive in ihrem weitesten Sinne verwen-dende Geschichte freilich verliert sich samt ihrer ersten Kunstform,dem Mär lein, in dem Dunkel der Zeiten.

*) Die einzige mir bekannte Stelle, die einen Schluß zulassen würde, daßdie Geburt eines Tiers durch ein menschliches Paar für möglich gehalten wordenwäre sie ist nach J. W. Valvassors Ehre des Herzogthums Crain (1689) bei Mann-hardt, Feld- und Waldkulte, II, 64 abgedruckt, erzählt, es komme auf demKarst bisweilen vor, daß eine Frau eine Schlange zur Welt bringe; aber dieSchlangengestalt hält augenscheinlich nicht einmal einen Tag an, und Mannhardthat sie wohl richtig verstanden, indem er sie zu dem griechischen Brauche stellt,ungetaufte Kinder Drakos und Drakaina zu nennen. Vgl. dazu E. S. Hartland,The Science of the Fairy Tales, 1891, 100 f.

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