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Versuch einer Theorie des Märchens
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52 Mythen und Mythologie.

IV.

In der Form, wie wir die griechische Natursage von der mensch-lichen Sterblichkeit und der Unsterblichkeit der Schlange heutekennen, ist sie nicht mehr die Natursage eines Stammes; als solchehat sie ihre Wanderung begonnen, mit Änderungen vielleicht hat siehier und dort Aufnahme gefunden, und in ihrer Schlußform hat siesich dann auch über die Zeit hinübergerettet, wo man sich auf einenAnbeginn der Dinge geeinigt hatte, der jeder weitern Frage eineGrenze setzte: Zeus ist nicht nur schon der Gott der Götter, sonderner hat auch schon über Prometheus, der sich zum Heilbringer auf-schwingen wollte, triumphiert. Wie jedoch die erste Geschichtegelautet hat, die ein Medizinmann seinem Stamme als Antwort aufdie Frage, warum der Mensch stirbt, die Schlange aber nicht, erzählthat, wer dort der Spender des Unsterblichkeitsgeschenkes war undwem er dieses als seinem Boten übergab, das könnten wir kaum ahnen,auch wenn wir wüßten, welchem oder bei welchem Stamme esbraucht schließlich kein griechischer gewesen zu sein die Geschichtezuerst erzählt worden ist. Wir kennen sie nur als gemeingriechisch,als eine Geschichte aus der Zeit, wo sich schon aus den Stämmenzwar nicht als staatliche, aber doch als kulturelle Einheit das Volkgebildet hatte, dieses Volk, dem der Abschluß der Mythenentwicklungbei den einzelnen Stämmen zu danken ist. Die Herkunft der einzelnenin das Pantheon dieses Volkes aufgenommenen Stammesgottheitenkönnen wir ja zum Teile noch aus hier und da erhaltenen Ortsmythenerschließen; keineswegs jedoch können wir uns einen Begriff von denSchwierigkeiten machen, die überwunden werden mußten, um alldiese Mythen zu einem halbwegs erträglichen, nicht allzu viele undallzu krasse Widersprüche aufweisenden Ganzen zusammenzufügen,ohne dabei die geschichtlichen Hauptlinien zu verletzen. Die Mythenmußten durch den Logos geordnet werden, auf daß die Mythologieerstehen konnte.

Aufgebaut wurde diese Mythologie auf einer Basis, die diegewachsenen Überlieferungen all der verschiedenen oder doch dermächtigsten Stämme umfaßte; dann mußte, wo dies möglich war,geändert oder ausgeschieden werden, auf daß die obere Fläche kleinerwerde als die Bodenlage, und das hätte sich fortsetzen sollen, bis diePyramide fertig gewesen wäre. Bis-zu der Spitze aber, bis zu demPunkte, der das Nichts bedeutet, ist noch nie eine Mythologie gekommen.Die griechische und die römische haben sich in Anbetracht derriesigen Grundfläche von oft grauenvollen uralten Mythen in bewun-derungswürdiger Weise verjüngt, und ebenso verhält es sich mit dergermanischen, aber mitten in diesem Prozesse des Sonderns und derEntäußerung brach die Vernichtung über sie herein, und auch dieeinzige richtige Mythologie, die jetzt noch besteht, die indische, diesich immerfort verfeinert, wird dem Einflüsse der monotheistischenReligionen erliegen, bevor sie sich den immer schmäler werdendenStufen genähert hat.

Wer waren nun die Leute, die halbwegs Ordnung in dieses grie-chische Götterwirrsal gebracht haben, das letzten Endes auf den