l66 Nur noch eine Arbeitshypothese . . .
193), und die zwei Versionen des Romans von Saif al-Mulük (Chauvin,VII, 67 f., 73; s. auch Bricteux, 459) in ihre Untersuchung ein-bezogen, die ebenfalls das Motiv der dankbaren Tiere nicht kennen,und vielleicht darf man vermuten, daß sie auch an den bei Chauvin,V, 235 und 270 verzeichneten Versionen, die denselben Mangel auf-weisen, nicht vorübergegangen sind. Die Art freilich, wie sie sichmit diesen literarischen „Varianten" auseinandergesetzt haben mögen,läßt sich nach den Theorien ihrer Schule erraten, und vermutlichwürden sie dieselben Theorien auch auf die älteste Fassung des vonihnen untersuchten Motivs anwenden, auf die nämlich, die sich inder weder von Frazer, noch von Bolte-Polivka erwähnten irischenSage von CuRois Tod findet (R. Thurneysen, Die irische Helden- undKönigssage, 434), die zu den ältesten Bestandteilen des CuChulainn-Kreises gehört und, obwohl die älteste Handschrift aus dem sechzehntenJahrhundert datiert, doch schon aus dem achten oder dem neuntenJahrhundert stammt (ebendort, 431 f.); auch hier gibt es kein hilf-reiches Tier. Bedenkt man nun weiter, daß andererseits die Ver-quickung der zwei Motive nur in Märchen und Märchengeschichtenvorkommt, von denen keine einzige früher als im neunzehnten Jahr-hundert aufgezeichnet worden ist, so sieht man, welche Bedeutungder Behauptung Krohns zukommt, die er mit den Worten beginnt:„Es hat sich herausgestellt . . ."
Aber trotz diesem Gefallen, den ihm das Seminar in Helsingforsgetan hat, rückt Krohn von der kategorischen Fassung ab, die Aarnedem Satze von dem Zuge und der Episode gegeben hat, die ursprünglichihren Platz in einem bestimmten Märchen gehabt hätten; nach ihm(28) „kann die Hypothese aufge'stellt werden, daß jedes Märchen-urgebilde seine eigenen, besondern Motive besitzt", und vielleicht aufden eben besprochenen Motivkomplex zugeschnitten ist die nunfolgende Einschränkung: „Da die Märchen aber keineswegs zu der-selben Zeit entstanden sind, kann ein späteres Gebilde, obwohl essonst einer Neuschöpfung gleichzustellen ist, ein schon verbrauchtesMotiv verwendet haben." Und dann der Schluß: „Als Arbeits-hypothese ist jedenfalls die Annahme berechtigt, daß so gut wie jedesMotiv anfänglich zu einem bestimmten Gebilde gehört hat, auswelchem es durch Entlehnung in andere übergegangen sein kann."
Aus der These Aarnes ist also bei Krohn eine Hypothese geworden,eine Arbeitshypothese, und wir verwundern uns nur, daß der Nach-satz fehlt, sie habe sich so wie „das Kriterium der Vollkommenheitder ursprünglichen Kunstform bisher bewährt". Dieses haben wirals Arbeitshypothese charakterisiert; bei der These von dem Zugeund der Episode, die ursprünglich ihien Platz in einem bestimmtenMärchen gehabt hätten, hat es Krohn selber getan. Das Gebäudefängt also schon von innen aus abzubröckeln an, die Risse undSprünge werden breiter, der Sand, auf dem die Grundmauern ruhen,zerrinnt.
XII.
Die geographisch-historische Forschungsmethode hat nicht nurdas Ziel, die Grund- oder Urform eines Märchens und den Ort seinesEntstehens, seine Heimat festzustellen, sondern sie will auch Klarheit