Druckschrift 
Versuch einer Theorie des Märchens
Seite
131
Einzelbild herunterladen
 

Das Bild als Gedächtnisstütze. Ein Märchen aus dem 16. Jahrhundert. 13 1

Dieser Tatsache, daß die eine Stunde für eine Anzahl von Schul-arbeiten zu kurz gewesen ist, haben wir Rechnung getragen, indemwir als Hauptgegenstände unserer Betrachtung die Dinge wählten,die sich im Anfange zutragen. Daß wir auch die Episode mit derOhrfeige heranzogen, die außer in den sechs das Märchen so ziemlichvollständig wiedergebenden Darstellungen des öftern auch noch inihrem Beginne erwähnt wird, so daß es kaum zweifelhaft ist, daßsie auch andere Mädchen im Gedächtnis behalten haben, ist nurgeschehen, weil sie beweist, daß eine große Zahl das Märchen in derFassung Bechsteins kennt; in dem Grimmschen Märchen will ja derKoch den Jungen nur bei den Haaren ziehen, und erst nach demErwachen macht sich sein Groll in einer Ohrfeige Luft. Nun stehtzu Beginn des Bechsteinschen Märchens in den am meisten gangbarenAusgaben die schöne Zeichnung Ludwig Richters mit der badendenschönen Königin und dem aus dem Wasser auftauchenden feistenFrosch, und daß dieser prophezeiende Frosch, obwohl er in demMärchen ebenso überflüssig ist wie der dieselbe Funktion ausübendeKrebs in der Urfassung, trotzdem in drei Schularbeiten vorkommt,möchte ich auf diesen Holzschnitt zurückführen, durch den dasMärchen eine ähnliche Realität gewinnt wie die Sage. Bei künftigenVersuchen wäre natürlich aus solchen Erwägungen Nutzen zu ziehen.

Aber geben wir uns mit dem Ergebnis dieses meines Wissensersten Experiments zufrieden, das uns immerhin gezeigt hat, daß dasMärchen, auch wenn es nicht bloß durch das Ohr aufgefaßt wordenist, sondern, gedruckt und bebildert, allstündlich zur Hand ist, beidem Nacherzählen oft schon in dem ersten Munde zerflattert. Über-zeugt wird wohl auch jedermann sein, daß von diesen Mädchen ineinem Jahrzehnt das Dornröschen, wenn sie es ihrem Töchterchenerzählen sollten, nur sehr wenige, ohne daß sie nach der Krücke desBuches gelangt hätten, so wiedergeben würden, wie sie es anno 1931getan haben, und es ist jammerschade, daß ein Vorschlag, dieseMädchen als junge Mütter, dann ihre Töchter als halbwüchsigeMädchen und dann wieder als Mütter und so weiter erzählen zu lassenund die jeweiligen Fassungen festzuhalten, noch weniger Aussicht aufDurchführung hätte, als seinerzeit der Vorschlag Friedrich Schlegels.

IX.

In den zuerst 1552 (und 1553) erschienenen Mondi von Anton-francesco Doni, einem aus Florenz stammenden Vielschreiber, findetsich in ganz merkwürdiger Einkleidung ein heute in Europa, aberauch über Europa hinaus weit verbreitetes Märchen. In dem AbschnitteMondo misto verwickelt mitten in den Wolken Momus die der Erdeentrückten Seelen, die himmelan fliegen, in Gespräche: zuerst ist esAnaxagoras, mit dem er sich unterhält, dann Diogenes, dann einBarbier, dann ein Steinmetz und Dichter dazu und schließlich einMitgüed der venezianischen Accademia dei Pellegrini, der auch Doniangehörte; sein Name ist Corrieri (Eilbote, Kurier), und früher ein-mal war er, wie er sagt, Pythagoras. Außerdem war er aber auch,wie er dem Gotte erzählt, einmal ein Pferd, als das er u. a. Cassius

9*