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Versuch einer Theorie des Märchens
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l86 Das Alter des europäischen Märchens.

Man sieht, das, was wir Wundermotive nennen, was aber auchdas Von der Leyensche Märchen alseine nach bestimmten Bedin-gungen gebildete Geschichte von wunderbaren Erfindungen" alswesentliches Kennzeichen aufweisen müßte, hat Von der Leyen inden von ihm genannten Dichtungen nirgends belegt, so daß der Schluß,bei den Germanen hätte es etwa um das Jahr noo bodenständigeoder eingeführte Märchen gegeben, ohne Prämisse bleibt; aber auchwenn wir, was wir loyalerweise tun müssen, dem Umstände Rechnungtragen, daß Von der Leyen zwischen Wahn- und Wundermotivenkeinen Unterschied macht, ja nicht einmal die Allerweltsmotive desGemeinschaftslebens von diesen Gruppen scheidet, so hätten wir dochverlangen dürfen, daß uns z. B. das germanische Märchen nachgewiesenworden wäre, in dem die Hexe als Wölfin neun Brüder tötet und vondem zehnten getötet wird. Auch wenn weiter die Snorra-Edda unddie Heldensagen Dinge enthielten, denen wir den Charakter vonMärchenmotiven zubilligen müßten, so dürfte daraus nie geschlossenwerden, es müßten Märchen dieser Art existiert haben, sondern dasbis zu der Erbringung eines Gegenbeweises Selbstverständliche wäredie Annahme, daß diese Märchenmotive, vielleicht als Ableitungenaus Mythen, vielleicht als freie Erfindungen nach dem Muster desMythos, eben zuerst dort oder, wenn es wahrscheinlich gemacht werdenkann, daß eine ältere Quelle bestanden hat, in dieser Quelle vorkommen.Für das Alter des germanischen Märchens kann also weder die Snorra-Edda, noch können die Heldensagen einen Terminus ad quem beistellen.

Vielleicht aber kommen wir der Frage einigermaßen näher, wennwir sie nicht für das germanische Märchen, sondern für die europäischenMärchen überhaupt stellen und die Antwort an der Hand der Dokumentezu geben versuchen.

XIV.Dem, der uns bisher gefolgt ist und unsern Darlegungen seineZustimmung nicht versagt hat, würden wir eigentlich nicht mehr imEinzelnen zu erläutern brauchen, welche Bedingungen wir für Erzäh-lungen aus längst verwichenen Zeiten aufstellen müssen, wenn wir ihnenden Charakter des Märchens zusprechen sollen; immerhin ist dieGewohnheit, als Märchen alles zu bezeichnen, was irgendwie einemStücke der klassischen deutschen Märchensammlung ähnelt, so weitverbreitet und so fest eingewurzelt, daß wir es auch hier nicht um-gehen können, einige Beispiele zu geben.

bei Straparola, notte VII, fav. i, wo es der Teufel Farfarello ist, der der Heldindie Gestalt einer Kurtisane gibt, während er diese in ein altes Weib verwandelt.Zu dem Kraut wieder, dessen vom Tode erweckende Kraft von einem Wieseldargetan wird, habe ich in meinen Märchen des Mittelalters (239) eine Stelleaus Alexander Neckams Buch De naturis rerum ausgezogen, wo es , ,die Meinungder Unwissenden" ist, daß das Wiesel seine Kenntnis der Heilkräuter benützte,um seine Jungen wiederzubeleben. Älter und durch keinen Zweifel getrübt istdas Zeugnis Egberts von Lüttich (Fecunda ratis, v. 1240 t.), und dazu zitiertE. Voigt das Speculum naturale von Vinzenz von Eeauvais. In dem ersten Jahr-zehnt der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts weiter weiß die hl. Hildegardzu berichten, das Wiesel kenne ein Kräutlein, das stecke es, nachdem es darübergeblasen und gepißt hat, einem sterbenden Wiesel in den Mund, und dieses werdedavon gesund (Patrol. lat., CXCVII, 1334).