144 Wilhelm Grimm als schlechter Märchenpfleger. — Ein Zeugnis von Goethe.
Nicht so viel Glück wie der Urheber des Sprüchleins von derauf einmal erfolgten Geburt hat der Märleinpfleger gehabt, der —es war wohl Ludwig Aurbacher selber — in die Kontamination zweierursprünglich orientalischer Schwanke eine Geschichte amerikanisch-spanischer Herkunft einfügte (s. oben S. 94); die Geschichtenerzählerhaben, wie man aus Bolte-Polivkas Anmerkungen zu der n° 185 ersieht,das sogenannte Märchen einfach unbeachtet gelassen. Fast ebensoist es Wilhelm Grimm selber ergangen, als er, nicht zufrieden mitder guten Erzählung seiner ältesten Vorlage für das Märchen vonHansel und Gretel (Lefftz, 40 f.; ihre Abhängigkeit von dem Petitpoucet haben wir schon festgestellt), die Geschwister auf ihrem Heim-gang an ein großes Wasser kommen — auf dem Hinweg zu demHexenhäuschen waren sie nicht auf dieses Hindernis gestoßen —und sie von einer weißen Ente übergesetzt werden ließ. Dieser Zugwird wohl aus einer Variante stammen, in der die fliehenden Kindervon der Hexe verfolgt werden, die aber in der Fassung WilhelmGrimms bereits von Gretel in den Ofen gestoßen worden und elendiglichverbrannt ist; die Nachahmer haben denn auch —■ Bechstein natür-lich ausgenommen, bei dem die Ente zu einem großen, schönen Schwanewird — entweder die Hexe am Leben gelassen oder die Ente getilgt.In diesem Falle war also Wilhelm ebenso wie übrigens die wenigen,die aus der überflüssigen Ente einen ebenso überflüssigen Schutzengelgemacht haben, ein schlechter Märchenpfleger, und als schlechterMärchenpfleger hat er sich auch betätigt, als er, wie wir gesehen haben,in dem Märchen von den Drei Männlein im Walde den Zug, daß dieböse Schwester so, wie die gute zur Belohnung Schönheit erhält, durchHäßlichkeit bestraft wird, nicht nur beibehielt, sondern noch verrgröber te.
„Diese Art, zu ändern und zu bessern, ist nun die rechte, woman ein noch Unvollkommenes durch fortgesetzte Erfindungen zumVollendeten steigert. Aber ein Gemachtes immer wieder neu zumachen und weiter zu treiben, wie z. B. Walter Scott mit meiner Mignongetan, die er außer ihren übrigen Eigenheiten noch taubstumm seinläßt: diese Art, zu ändern, kann ich nicht loben."
Diese Worte, die Goethe am 31. Jänner 1827 zu Eckermanngesprochen hat, gelten auch für das Märchen, das ja etwas Gemachtes,etwas Zubereitetes ist.
Bestünde das Volk oder die Schichten des Volks, die unter-einander Märchen erzählen, durchwegs aus Märchenpflegern, so könntedas Wort von dem gesunkenen Kulturgut, das sich bei Volkstracht,Volksbuch, Volkslied, Volksschauspiel, Bauernmöbeln usw. (Naumann,Grundzüge, 11) bewährt, bei dem Märchen (und dem Märlein) nichtzutreffen; das Märchen, das ja (ebenso wie das Märlein) als zumindestSachliche Kunstform ein Kulturgut ist, würde sich mit jedem Fort-schritt der Kultur nur zu seinem Vorteil ändern, anstatt daß es, indemes in der Einfachen Form der Geschichte von Mund zu Mund wandert,trotz dem Fortschritte der Kultur immer schlechter wird und schließlichvöllig zerflattert. Die Tatsache nun, daß uns zumeist neben einer