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Versuch einer Theorie des Märchens
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Lösung eines Problems durch eine Erzählung. 37

Sehr vorsichtig drückt sich Von der Leyen bei dem Motiv derunlösbaren Fragen aus: Nach Erwähnung derMärchen" von Oidipusund der Prinzessin Turandot verweist er auf den König derVetälapaiicavimäatikä, der unter Todesdrohungen vierundzwanzigFragen beantworten muß, und fährt fort:Alle diese Fragen undSchrecken spielen sich wieder in der Nacht ab" (39 f., 3 57; CXIII, 257);damit soll augenscheinlich das ergibt sich aus dem Zusammen-hange auch dieses Motiv den vielen andern zugerechnet werden,die aus dem Traum entstanden wären. Wir hingegen erkennen darinohne Schwierigkeit ein Motiv des Gemeinschaftslebens, nämlich dieScharfsinnsprobe, die durch die Beantwortung von Rätselfragenabgelegt werden soll, und in diesem Sinne kann jede dieser vierund-zwanzig Erzählungen in Parallele gestellt werden zu einem Apo-phthegma, das Valerius Maximus (VII, 3, ext. 5) erzählt: EinemWeibe haben zwei Leute Geld zur Aufbewahrung übergeben unterder Bedingung, sie dürfe es nur ihnen beiden ausfolgen. Nach einigerZeit fordert es der eine mit der Begründung, sein Gesell sei gestorben,und sie zahlt es aus; darauf erscheint der andere und verlangt es. Inihrer Not denkt sie schon daran, sich aufzuhängen, aber da greiftDemosthenes ein: bei der Gerichtsverhandlung erklärt er, sie sei bereit,das Geld zurückzuerstatten, dürfe das jedoch vertragsgemäß nichttun, wenn nicht auch der andere Depositär erscheine. Die Frau indiesem Apophthegma will sich schon das Leben nehmen, fühlt sichalso nicht minder bedrückt als der König, der die Denkaufgaben desVetäla zu lösen hat; trotzdem wird es niemand einfallen, an eineGeburt der kurzen Geschichte von Demosthenes und der Frau auseinem Traume zu denken, würde auch dann niemand einfallen, wennsich die Handlung in eine Nacht zusammendrängte. Und damit nehmenwir von der Theorie, daß der Traum Märchenmotive zeugen könneund zeuge, endgültig Abschied.

III.

In dem Apophthegma, mit dessen Besprechung wir das vorher-gehende Kapitel abgeschlossen haben, gehört die Person, die dieLösung eines sie beschäftigenden Problems sucht, dem niedrigen Volkean, und der, der ihr die Lösung gibt und damit die Ruhe wiedergibt,ist ein Weiser. Das führt uns zu einer riesigen Gruppe von Erzählungen,wo sich die Fragen, die beantwortet werden sollen, nicht auf dieGegenwart und die praktischen Bedürfnisse der Gegenwart, sondernauf die Vergangenheit beziehen und einem theoretischen Bedürfnis,dem Wissensdrang oder oft auch nur der Neugier entspringen; Gegen-stand der Erzählung wäre auch hier die Problemstellung und dieProblemlösung, aber da die Problemlösung durch eine Erzählunggeschieht, die die Problemstellung deutlich erkennen läßt, tritt dieseschließlich in den Hintergrund. Wir meinen die unzähligen Probleme,die sich den primitiven Menschen aufzudrängen begannen, als sie sichauch mit Dingen zu beschäftigen anfingen, die mit des Tages Not-durft nicht mehr unmittelbar zusammenhingen, als der Gedanke der