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Versuch einer Theorie des Märchens
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178 Ein Märchen der Madame d'Aulnoy

einzubürgern, sondern bei denen auch der Drang mitwirkt, es nachdem eigenen Geschmacke zu verbessern, zu verschönern. Der Märchen-träger hat ja mit dem Märchenpfleger zumindest die Liebe zu demMärchen gemein, und übernimmt er irgendwo in der Fremde eineGeschichte mit der Absicht, sie seinem Volke zu überliefern, so handelter als Märchenpfleger, genau so wie der Märchenpfleger, der in einandres Land verschlagen wird, dort die Tätigkeit eines Märchenträgersaufnimmt und seine Schätze verstreut und verschwendet.

Und ein Verschwenden wird es immer sein, wenn es nicht auchdort Märchenpfleger gibt, die die Schätze betreuen und erhalten,die sie immer wieder dem Volke wegnehmen, das mit ihnen nicht um-zugehen weiß, und wenn sich nicht schließlich bald jemand findet, derdie Erzählung eines solchen Märchenpflegers schriftlich fixiert und siedamit meist dem Schicksal entreißt, binnen zwei oder drei Generationengänzlich in Vergessenheit zu geraten. Denn immer sind es nur Einzelne,die die Märlein und die Märchen zubereiten, immer sind es nur Einzelne,die das Zubereitete erhalten, und immer sind es nur Einzelne, die dasErhaltene verbreiten; das Kollektivum, das Volk, kommt weder alszubereitend, noch als erhaltend, noch als verbreitend in Betracht.

XIII.

In dem ersten Bande der Contes nouveaux ou Les Fees ä la modeder Madame d'Aulnoy, der 1698 erschienen, aber schon Ende 1697im Drucke gewesen ist*), erzählt das dritte Märchen, betitelt La bicheau bois, von einem König und einer Königin, die einander herzlichlieben und deren einziger Kummer es ist, daß sie keinen Erben haben.Die Königin gebraucht daher im Frühling die ausgezeichneten Wasserder Quellen in einem großen Walde; als sie da einmal allein an einersolchen Quelle sitzt und dem Himmel ihr Leid klagt, rührt sich dasWasser, und ein großer Krebs oder, besser, eine große Krebsin (unegrosse Ecrevisse) erscheint und sagt zu ihr:Erhabene Königin, duwirst endlich bekommen, was du ersehnst." Dann stellt sich heraus,daß diese Krebsin eigentlich eine alte Fee ist; sie geleitet die Königinzu einem Palast, den sechs andere, junge Feen bewohnen; diese ver-heißen der Königin neuerdings eine Tochter und schenken ihr einenStrauß: sofort nach der Geburt der Prinzessin soll die Königin sierufen, indem sie jede Bume dieses Straußes nennt und dabei an siedenkt. Das geschieht denn auch alles, und die sechs Feen begaben dieeben geborene Desiree mit allem Guten; es kommt aber auch dieKrebsin, und diese, zornig, weil sie nicht eingeladen worden ist, ver-kündet, die Prinzessin werde, wenn sie vor Vollendung ihres fünfzehntenJahres das Tageslicht sehen werde, Grund zur Reue haben, javielleicht das Leben verlieren.

Die Ähnlichkeit dieses Märchens mit der Belle au bois dormant,die 1696, also ein Jahr vor der mutmaßlichen Abfassung der Bicheau bois erschienen ist**), hört hier auf, aber sie hat genügt, daß der

*) Siehe Mary Eliz. Storer, La mode des Contes de F6es, 1928, 28 f.**) In dem zweiten Teile des 5. Bandes des von dem Verleger Adr. Moetjensim Haag herausgegebenen Recueil de pi6ces curieuses et nouvelles, tant en prosequ'en vers.