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Versuch einer Theorie des Märchens
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24 Die Sage. Das Apophthegma.

der Wahrheit und der Keuschheit innewohnende Kraft, Eingreifendes Teufels. Erzählungen dieser Art ordnen wir, wenn sie irgendwiean Wirkliches gebunden sind, gemeiniglich unter die Sagen ein, auchwenn wir keineswegs behaupten können, daß sie erst durch eineAusschmückung von Geschichten entstanden wären.

Wesentlich ist ja das Irrationale auch für das, was man allgemeinSage nennt, nicht: der Graf von Gleichen, die Weiber von Weinsberg,Otto der Schütz, Eginhard und Emma, alle diese sogenannten Sagenenthalten nur Motive, die der Geschichte als einem Berichte vonwirklich Geschehenem zugehören. In der Sage von Robert dem Teufelwieder ist nichts widervernünftig, als daß der Held ein Geschenk desTeufels ist und daß ihn Engel wappnen; das aber sind Dinge, die alsmöglich, höchstens als außergewöhnlich betrachtet wurden und wohlnoch hier und dort betrachtet werden. In einem Gegenstück zurRobert-Sage, in der Sage von Guätäsp, wie sie FirdausI erzählt,beschränkt sich das Sagenhafte auf das Motiv der Liebe durch einenTraum und auf die Übertreibung der Schilderung der von dem Heldenzu erlegenden Tiere, und das Ganze sieht wie ein Versuch aus, dieSage zu rationalisieren, die ihr zugrunde liegende Geschichte zu rekon-struieren, also in einer Richtung zu gehen, die just entgegengesetztder ist, die jener Dichter einschlug, der aus der ursprünglichen Ge-schichte das Märchen von dem Eisenhans oder dem Grindkopfgemacht hat.

II.

Es ist Zeit, daß wir nach der Geschichte in der bis jetzt von unsbehandelten Gattung, dem Berichte über wirkliche oder vermeintlicheGeschehnisse, nämlich Tatsachen und Ereignisse, in den Kreis unsererBetrachtungen auch die Gattung der Geschichte einbeziehen, derenGeschehnis in einer Rede besteht oder deren sonstige Geschehnissedurch eine Rede in den Hintergrund gedrängt werden, wo also dieRede das Wesentliche ist, daher an sich oder durch die Begleit-umstände außerordentlich sein muß, und die kürzeste, die bündigsteAbart dieser Gattung der Einfachen Form ist das Apophthegma.Der letzte, der über das Apophthegma gehandelt hat, Wilhelm Gemoll,der übrigens merkwürdigerweise die Anfänge der Geschichtschreibungaus dem Apophthegma erwachsen läßt (Das Apophthegma, 1924, 11),umschreibt dieses mit Ausspruch, Bescheid, Streitrede. In der vonuns aufgestellten Genesis der Einfachen Form, der Geschichte, liegtdas Apophthegma natürlich hinter dem Berichte, der sich mit EinemGeschehnis oder mehrern beschäftigt, und auf diesen Platz müßtenwir das Apophthegma auch verweisen, wenn seine Entstehung nichtim Allgemeinen an den Bestand der Lautsprache geknüpft wäre; denndie Geschichte von der außergewöhnlichen Rede, sei sie witzig oderernst, setzt jedenfalls einen Kulturzustand voraus, der den Wert desDenkprozesses gegenüber der gefühlsmäßigen, instinktiven Handlunganerkennt. Jeder Denkprozeß trägt aber die Merkmale der Skepsis,der Kritik an sich, und diese Kritik wirkt sich nicht immer nur ander Handlungsweise des Einzelnen aus, sondern oft auch an der der