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Versuch einer Theorie des Märchens
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104 Definitionen der Begriffe Märchen und Mäxlein.

(Beginn: Da ist einmal eine Prinzessin gewesen . . .; Schluß: Undder Schneider hat sie zur Frau gekriegt). Da der Held nichts Selbst-erlebtes erzählen soll, sondern eine beliebige Geschichte, die er genauso erfahren hat, wie Wissers Gewährsmann das Ganze, so hat dieserden Erzähler der eingeschachtelten Geschichte, sicherlich unbewußt,dem Gesetze unterworfen, das er, sicherlich unbewußt, selber befolgt,diesem Gesetze, das zum Unterschiede von der Kunstform, die sicherst mit dem Erzählen vollendet, die also das Imperfekt erheischt,für die aus der Kunstform entstandene Einfache Form, die etwasschon vollendet, schon erzählt Gewesenes wiedergibt, das Perfektumverlangt.

Über diese Erkenntnis kann nicht hinwegtäuschen, daß leider diepapierene Sprache so viel Macht gewonnen hat, daß unter ihrem Ein-fluß das Volk selber das ihm Erzählte, das es überliefern will, nurallzu oft so erzählt, wie es die Bücher tun, die als Muster für die Dar-stellung überlieferten Volksguts betrachtet und immer wieder aus-geschöpft werden. Wir natürlich haben diesen Unterschied zwischenKunstform und Einfacher Form auch dort festzustellen, wo eräußerlich verwischt worden ist, und so muß er schließlich auch inden Definitionen zum Ausdruck kommen, die wir den Begriffen Märchenund Märlein geben wollen; wir sagen also:

Das Märchen ist eine Kunstform der Erzählung, die neben Gemein-schaftsmotiven auch in einer die Entwicklung der Handlung bestim-menden Weise Wundermotive verwendet; durch das Nacherzählenwird das Märchen Einfache Form, eine Geschichte.

Ebenso wird das Märlein, das eine nur Gemeinschaftsmotiveverwendende Kunstform ist, durch das Nacherzählen Einfache Form,eine Geschichte.

Bei dieser Definition konnten, ja mußten wir den Umstand außerAcht lassen, daß das ästhetische Gefühl, das sich in der künstlichenVerquickung der Motive, in der Zubereitung des Sachlichen äußertund so die Sachliche Kunstform schafft, hin und wieder auch auf dieDarstellung, auf den Erzählungsstil, kurz gesagt, auf das Sprachlichenicht ohne Einfluß bleibt, so daß manchmal zugleich mit der SachlichenKunstform oder auch später etwas in Erscheinung tritt, das wir alsSprachliche Kunstform bezeichnen möchten.

VII.

Die Brüder Grimm bekamen als Ergebnis ihrer in dem Jahre1806 oder 1807 begonnenen Sammeltätigkeit natürlich nur wenig indie Hand, was wir in unserm Verstand der Wörter Märchen oderMärlein nennen könnten; das, was die Gewährsleute ihnen und ihrenHelfern und Helferinnen erzählten oder für sie niederschrieben, warenGeschichten, Wiedererzählungen dessen, was sie oder die, die ihnenerzählt hatten, oder deren Vorgänger von der alten Sachlichen,vielleicht auch Sprachlichen und oft literarischen Kunstform in derErinnerung behalten hatten. Daß das so hat sein müssen, könnteman mit hoher Wahrscheinlichkeit schon durch die Analogie erschließen;daß es aber wirklich so gewesen ist, ersieht man aus einer Reihe von