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Versuch einer Theorie des Märchens
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194 D as erste europäische Märchen ?

Verfasser des lateinischen Gedichtes hätte sich ja ziemlich einfachhelfen können, indem er ein dämonisches Wesen eingeführt hätte,von dem die Königin verwünscht worden wäre, ein Tier zu gebären,wie dies in Straparolas Re porco der Fall ist in der Simhäsanadvä-trimsikä ist ein Torhüter Indras durch den Fluch dieses Gottes alsEsel wiedergeboren worden, und dann wäre das indische Märleinauch in den lateinischen Distichen ein Märlein geblieben.

Empfunden hat wohl auch der Verfasser des Asinarius die Un-möglichkeit dieses Motivs, und vielleicht ist es auf diese Erkenntnis,daß es eineres miranda" ist, die er erzählt, zurückzuführen, daßin dem Gedichte noch die alten Götter regieren, daß als SchwurzeugeJuppiter angerufen wird, der auch als seliger Gatte Junos erscheint,und das es Lucina ist, die der Königin das Kind versagt, weiter aberauch, daß jegliche Angabe über die Heimat des Eselprinzen unterlassenwird: unbekannt sind Land und Stadt des Königs, und seinen Namenverzeichnet keine Schrift, während die Braut, in deren Armen dasTier zum Menschen wird, an den fernsten Grenzen des Erdkreiseswohnt, wo Phoebus die ermatteten Rosse ins Meer treibt.

Es ist kein Dokument vorhanden, das uns berechtigen würde,diese Darstellungsweise als die erste Form der Erzählung des euro-päischen Märchens anzunehmen; aber zur Erörterung dürfen wir viel-leicht den Gedanken stellen, ob nicht dieses klassizistische Beiwerksamt dem elegischen Vers weniger auf die ansonsten leicht begreiflicheAbsicht, mit klassischer Gelehrsamkeit zu prunken, zurückgeführtwerden soll als auf eine gewisse Zaghaftigkeit, eine gewisse Befangen-heit, die sich eines Mannes bemächtigen mußte, der das Wagnis unter-nahm, Exotisches, Fremdartiges, Unerhörtes erklingen zu lassen nebenden Weisen der Heimat. Wäre oder ist das richtig, dann verstündenoder verstehen wir auch, warum der gewandte Italiener jene Erzählungvon der Froschbraut des ungeschickten Schützen, die er in ein unge-nanntes Land in die Nähe eines Pfuhls verlegt, von wo aus eine andereWelt, die Welt der schiffbrüchig Untergegangenen, wenigstens füreine Nymphe erreichbar ist, auf die Autorität Plutarchs stützt undihre Handlung in eine Zeit lange vor Scipio verlegt.

Ob aber die Fabel des Asinarius als das erste europäische Märchenangesehen werden darf, das aus einem orientalischen Märlein geflossenist, oder ob schon vorher andere Märlein des Morgenlandes durch dieÜbertragung nach Europa zu Märchen geworden sind: diese Frage,deren Beantwortung, wenn sie nicht durch zufällige Funde gefördertwird, eine Durchforschung sämtlicher irgendwo verwahrten Hand-schriften voraussetzen würde, ist unwesentlich gegenüber einerandern, die sich nunmehr auf wirft: Muß nicht überhaupt die ersteErzählung, die wir als Märchen bezeichnen dürfen, in den Teilen, diediese Bezeichnung rechtfertigen, fremdes Gut gewesen sein ? Ich stehenicht an, diese Frage zu bejahen. Das Märchen verlangt das Wunder-bare, und was auch die Heimat in dieser Beziehung bieten kann, alswunderbar wird es erst anerkannt werden, wenn es ihr wieder fremdgeworden und fremd gewesen und ihr als ihr Fremdes neuerlich ver-mittelt worden ist; diese lange Entwicklung, die das heimische Märlein,um den Namen Märchen mit Recht zu führen, durchgemacht haben