Der Asinarius und seine indische Quelle. 193
sich in derselben Weise, wie es der Bachtijare getan hat, der anstattder Schlange als Seelentier die Fliege nahm, oder wie der 'Iraqi, derfür das Gespenst der Fremde den heimischen Dämon einsetzt. Dasging wohl Jahrhunderte lang so; jedenfalls ist uns vor dem ausgehendenvierzehnten Jahrhundert keine Erzählung bekannt, die, als dieHandlung bestimmend, etwas aufwiese, was wir bei unsern Vorfahrenein Wundermotiv nennen dürften, und als Beispiel, wo dies vielleichtmöglich wäre, glauben wir den Asinarius nennen zu können.
Den Inhalt dieses lateinischen Gedichtes brauchen wir nichtwiederzugeben; einmal ist es bei Bolte-Polivka, III, 154—166 ab-gedruckt, und dann haben es die Brüder Grimm, ohne daß sie motivischetwas geändert hätten, in den Kinder- und Hausmärchen nacherzählt(Das Eselein). Die Quelle ist uns unbekannt, aber glücklicherweiseläßt sie sich in den großen Zügen wiederherstellen. In dem schonerwähnten Textus ornatior des Pancatantra, der 1199 verfaßt ist,erzählt das 16. Märlein (Benfey, II, 144, Schmidt, 115; s. Bolte-Polfvka,II, 240): Die Gattin eines Brahmanen, die sich ebenso wie diesernach einem Sohne sehnt, bringt endlich nach einem Opfer eine männlicheSchlange zur Welt; sie ziehen diesen Sohn auf, und als er heran-gewachsen ist, erhält der Brahman für ihn, dessen Tiergestalt er ver-schweigt, eine Brahmanentochter versprochen. Ihrer Pflicht getreu,vermählt sich diese mit ihm, obwohl sie inne geworden ist, wie es mitihm steht; Tags darauf läßt der Schlangensohn seinen Leib in derKiste, die ihm sonst als Nachtlager dient, und geht als herrlicherJüngling zu seiner Gattin ein. Sein Vater, der das gesehen hat,verbrennt die Schlangenhülle und zeigt voller Stolz seinen Sohn allenLeuten. Wie man sieht, stimmen das indische Märlein und der Asinariusin allen wichtigen Zügen überein, und der einzige, übrigens nichtsonderlich große Unterschied ist, daß in dem einen der Gatte eineSchlange ist, in dem andern ein Esel. Der Esel aber findet sich ineinem ähnlichen, allerdings weitläufigem Märlein, das in mehrernHandschriften einer Jaina-Rezension des Vikramacarita, der Simhä-sanadvätrimsikä steht (Vikrama's Adventures, ed. by Fr. Edgerton,1926, I, 263 f.; vgl. Benfey, I, 260, Bolte-Polivka, II, 240, Frazer 3 ,IV, 124), und so dürfen wir als Quelle für den Asinarius ein Märleinannehmen, das dasselbe wie der Textus ornatior, aber von einemEsel anstatt von einer Schlange erzählt, zumal da nach Benfey(a. a. 0.) auch andere Gründe für das höhere Alter des Esels sprechen.Dieser Unterschied aber ist von geringer Bedeutung gegenüber demUmstand, daß ein Tier als Kind eines menschlichen Ehepaars derfranzösischen oder niederländischen Heimat des lateinischen Gedichtesdurchaus fremd war; in den europäischen Sagen sind auch die derVerbindung eines Menschen mit einem Tier entstammenden KinderMenschen, denen höchstens einige tierische Eigenschaften anhaften,und das Verbrennen der Tierhaut hebt an der einzigen Stelle, wo wires in Europa vor dem Asinarius kennen*), nur eine zeitweilige Ver-wandlung in ein Tier, nicht aber eine Existenz als Tier auf. Der
*) In der Wölsungen-Sage verbrennen Sigmund und Sinfjötli die Wolfs-bälge, die über ihnen hingen, in die sie gefahren waren und die sie nur jeden fünftenTag ablegen konnten.
13 Präger Deutsche Studien, Heft 45.