192 Wahnmotiv in Europa — im Orient Wundermotiv.
schließlich dann ein, wenn ihm die von ihm stets mit Mißtrauen betrach-teten Franken Dinge aus ihrer, von der seinigen so grundverschiedenenWelt erzählen; wir meinen hier natürlich nicht die selbstverständlichenZweifel, womit er, der ja von Europa kaum eine Ahnung hat, Er-zählungen über das Leben und Treiben etwa in Paris oder Londonaufnimmt, sondern haben Geschichten von der Art im Auge, wie sieuns hier beschäftigen, von denen die eine oder die andere gelegentlichzu ihm dringt. Ein Beispiel haben wir schon erwähnt: jene alte Er-zählung von Paulus Diaconus, die in das heutige Persien gelangt ist;da freilich ist die volkstümliche Anschauung, die die Handlung trägt,der Glaube an das Seelentier, bei den Bachtijaren auf volles Verständnisgestoßen, und so hat sie, nach Angleichung des Äußerlichen, in denGeschichtenbestand dieser Nomaden aufgenommen werden können.Anders aber muß es zugehen, wenn es sich um Dinge handelt, die derVorstellungswelt dessen, dem sie erzählt werden, durchaus fremd, jazuwider sind, und hier gibt ein sprechendes Beispiel Frau Stevens, in-dem sie an der angezogenen Stelle fortfährt: „Über zehn Jahre habeich in dem Lande gelebt, und nie habe ich eine Gespenstergeschichtegehört; ich sage nicht, daß es keine gebe, aber gehört habe ich nieeine, und wenn man von einem Hause hört, daß es maskün, sei,daß es in ihm spuke, so spukt dort nie ein Toter, sondern ein Ginn.Ich habe etliche Frauen um den Grund gefragt, und ihre Antwortwar immer so: Warum sollten die Toten wiederkommen ? Wer totist, geht an seinen Ort." Bei der Bevölkerung des 'Iraq also ist dasMotiv von dem umgehenden Toten, das wir nicht nur in den deutschenLanden den Wahnmotiven zuzuzählen haben, durch keinen heimischenWahn gestützt, würde also, wenn man es dort übernähme, ohne dabeiden Toten durch einen Ginn zu ersetzen, als Wundermotiv bezeichnetwerden müssen, und gäbe es eine unveränderte 'Iraqi-Fassung desGrimmschen Märchens von einem der auszog, das Fürchten zu lernen,das für uns ein Märlein ist, so wäre sie dort ein Märchen zu nennen.Ähnliche Erwägungen nun müssen selbstverständlich auch beidem umgekehrten Fall statthaben, nämlich bei der Übernahme orien-talischer Erzählungen durch das Abendland, wobei freilich zu beachtenist, daß in der Zeit, die wir im Auge haben, der Orient sicherlichnicht in nennenswertem Maße wahngläubiger war als der am meistenfortgeschrittene Teil Europas. Die angeblich von Richard Löwenherzdorthin gebrachte Geschichte hat, wie wir gesehen haben, keinerwesentlichen Änderung bedurft, um auf gleichem Fuße behandeltzu werden wie die einheimischen Geschichten, und ähnliche Beobach-tungen können wir in beliebig großer Zahl auch dort machen,wo kein Gewährsmann genannt ist, wo aber der stoffliche Zusammen-hang klar am Tage liegt. Hier wären Einzeluntersuchungen vollständigüberflüssig, gleichgültig, ob sich der Übergang aus der einen Literaturin die andere unmittelbar von Buch zu Buch vollzogen hat oder obzwischen den Literaturen Märlein träger angenommen werden müssen.In den meisten Fällen betreffen die Änderungen, die nicht zu umgehenwaren, nur das Äußere, und das Wesentliche ließ man unberührt,so daß das, was im Oriente ein Märlein war, auch im Abendlande einMärlein blieb, und wo das nicht mehr angängig war, da half man