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Versuch einer Theorie des Märchens
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Das orientalische Märlein. 191

Boden das Motiv von der Verbindung einer Überirdischen mit einemMenschen als Wundermotiv betrachtet werden, und Erzählungenmit einem Inhalt, der etwa dem des Lais von Lanval oder des Mythosvon Thetis und Peleus entspräche, müßten dort, im allgemeinen, alsMärchen gelten. Aber wann hat der Mythos, der heimische sowohl,als auch der des klassischen Altertums aufgehört, ein Mythos zu sein ?wann sind seine Motive frei geworden für die poetische Fiktion außer-halb des Mythos, für das Märchen ?

Über die Unmöglichkeit, diese Frage nicht nur in ihrer allgemeinenForm, sondern auch, wenn sie für die einzelnen Völker des in Betrachtkommenden Teiles von Europa und unter ihnen wieder für die einzelnenVolksschichten gestellt würde, zu beantworten, brauchen wir nichtviel Worte zu verlieren: nach Paracelsus oder nach Goethe dürfen wirsein Land und seine Zeit ebenso wenig beurteilen wie nach Shakespeareund Strindberg. Zum Glück aber sind wir bei der Aufgabe, die wirjetzt zu lösen haben, einer Beantwortung dieser Frage enthoben; denndas Märchen ist wohl schon in Europa gewesen, ehe ihm dessen Mytho-logien ihr reiches Erbe hinterließen, und wenn nicht alles trügt, so istes zu uns aus dem Morgenlande gekommen.

Wir hören trotz den Zusammenhängen, die wir schon mehrmalsfestgestellt haben, den Einwand:Wie wäre das möglich, wo uns dochklipp und klar bewiesen worden ist, daß der Orient kein Märchen hat ?Wie könnten wir aus Ländern Dinge beziehen oder bezogen haben,die es dort nicht gibt und nie gegeben hat ?" Nun, was wir als richtigerkannt haben, das bleibt richtig, und wenn wir eine Bekräftigung derRichtigkeit brauchten, so könnten wir sie in einem jüngst erschienenenBuche finden, den Folk-Tales of Traq, set down and translated fromthe Vernacular by E. S. Stevens, 1931, deren Herausgeberin in derEinleitung (XIV f.) feststellt:Es ist ein großer Unterschied zwischenden Märchen (fairy-tales), die einem Kinde im 'Iraq und die in einerenglischen Kinderstube erzählt werden: die englische Kinderfrauoder Mutter glaubt nicht an die Existenz von Feen oder Unholden,wie es der Geschichtenerzähler im Traq gar oft tut; für die große Masseder Bevölkerung des Traq existieren die übernatürlichen Wesen, diein den Geschichten erscheinen, wirklich, und Ausnahmen sind nurin der kleinen gebildeten Minderheit zu finden."

Immerhin sieht sich hin und wieder auch der Orientale genötigt,zu prüfen, ob nicht an seine Gläubigkeit allzu harte Anforderungengestellt werden, und das tritt wohl am häufigsten, ja vielleicht aus-fügen hat:Durch diese Exempel wollen auch etliche bezeugen, daß ja die Geistermit den Weibern underweilen Gemeinschafft haben, und auß diesem Gedicht,so in dem Schloß zu Cleve (da denn ein sehr hoher Thurn ist, der Schwanenthurngenennt, auß welches Gipffei ein Schwan sich umbher weltzt) in uhralten Tapetengewerekt ist, führen etliche der durchleuchtigen Hochgebornen Hertzogen vonCleve Stammen her, wie es denn der Brauch und Gewonheit ist, daß man gewaltigerKönigreichen und berhümbter Geschlechter Uhrsprung und Herkommen mitsolchen Färblein anstreicht, damit die Leuthe, etwas Göttlichs darhinder seyn,dester leichter beredt werden. Daß es aber ein Gedicht sey, so bezeugt die wäreHistoria, vom Herkommen vorgemeldeter Fürsten beschrieben." Dieser letzteSatz ist ein späteres Einschiebsel des Verfassers, der, wie der Kuriosität halberbemerkt sei, Leibarzt des Herzogs von Jülich-Cleve-Berg war.