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Versuch einer Theorie des Märchens
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19° Im Mittelalter noch kein Feenmärchen

Majoli und Martin Delrio als lautere Wahrheit jene Geschichte vondem Jüngling in Rom erzählen, der in übermütiger Laune seinen Ringeiner Venus-Statue ansteckt und nur durch den mächtigen Zaubereines Priesters vor dem Schicksal bewahrt wird, der Dämonin aufimmer zu verfallen, wie es den Deutschen Tannhäuser traf, dem esnichts nützte, daß er erkannte und aussprach:

Frau Venus, edle Fraue zart,Ihr seid eine Teufelinne!Und mit dieser Venus, der deutschen Holda oder Holle, der, nach-dem sie eine Dämonin geworden war, wenn wir Mannhardt glaubendürften (Germanische Mythen, 1858, 94), ihr früherer Widersacherals vor ihr warnender Eckart beigegeben worden wäre, und mit denNajaden des Oxforders sind wir wieder bei den Feen der bretonischen,der kymrischen und der irischen Sage, der Marie de France und derEpen und Romane des französischen Mittelalters angelangt, diesenFeen, deren Existenz ebensowenig bezweifelt wurde, wie die der Götterdes klassischen Altertums und der eigenen Vorzeit, wenn sie auchallesamt ihre Wunderkräfte nur üben durften, soweit es, wie manseit Augustinus sagte, Gottes unerforschlicher Ratschluß zuließ. DenMythologien war zwar die Entwicklung aufwärts abgeschnitten worden,aber sie lebten weiter, so wie geköpfte Bäume nicht mehr wachsen,aber um so üppigeres Grün treiben.

Die Erzählung des alten Räubers im Dolopathos, die auf demMythos von Polyphem beruht, der damals noch nicht ungaublich war,ist kein Märchen, und ginge die Beleuchtung der schönen Melior durchihren Parthenopeus, was aber kaum anzunehmen wäre, auf die ent-sprechende Szene in dem Mythos von Amor und Psyche zurück, sowäre dieser Zug damals ebensowenig ein Märchenmotiv gewesen,wie wenn er, was wahrscheinlicher ist, einer Quelle entstammt vonder Art der des Lanval oder der Geschichte von der Ahnfrau desGeschlechts der Lusignans, an deren Geschichtlichkeit noch um dieWende der Neuzeit der Franziskaner Michael Menot nicht im geringstenzweifelte*), oder der Erzählung von jener Dame de la fontaine, die dieMutter von sieben Schwänen geworden ist, unter ihnen auch desSchwans,von dem auf ewige Zeiten die Historie erzählt, daß er dasSchifflein mit dem gewappneten Ritter an goldener Kette gezogenhat", diese Historie, die als Sage zuerst wohl von Johannes Weyererkannt worden ist**). Heute freilich muß auch auf seinem heimatliche

*) Sermons choisis de M. M., ed. J. Neve, 1924, 37: Omnes morimur etquasi aque dilabimur in terram que non revertuntur . . . Ubi est rex Ludovicusqui ita erat, gallice: craint ? Et Carolus qui in flore iuventutis sue faciebat tremereItaliam ? Helas, putrefactus est in terra. Ubi sunt iste domicelle que ita feceruntloqui de Ulis ? Non habetis le roraant de la rose, Melusine et pluribus aliis quefecerunt loqui de se ? Ecce omnes morimur etc. etc. Was allerdings die Rose inihrem Roman mit diesen domicellae zu tun haben soll, die doch historische Persön-lichkeiten sein müssen wie Ludwig und Karl, erscheint nicht ganz klar; es magda ein wirklich von einem Frauenschicksal erzählendes Buch gemeint gewesensein, und das, was Menot anstatt rose meinte, hat wohl der in der Literatur un-wissende Nachschreiber der Predigt mißverstanden.

**) De praestigis daemonum, 1563, 249 f.; hier sei nach der deutschen Aus-gabe Von Teuffelsgespenst, Zauberern und Gifftbereytern, 1586, 219 wieder-gegeben, was Weyer der Darstellung Helinands im Speculum historiale anzu-