188 Der allgemeine Glaube an Feen und dergleichen.
haben wollen, daß aber bei allen das Andenken an sie noch lebendigist. Ob es jedoch auch heute noch in der einstigen Bretagne la Menur,in der Britannia minor, die jetzt Bretagne schlechthin heißt, Leutegibt, die diese contes verais, diese wahrhaftigen Geschichten, die dieBretonen von einst sangen und die ihnen Marie nachsang, diese Erzäh-lungen von Feen, Wunderdingen, Verwandlungen usw., glauben odersie zumindest für möglich halten: diese Frage ist für uns von geringererBedeutung als die andere, die sich uns in diesem Zusammenhangeaufdrängt: Hätten die Kreise, für die die Französin reimte, die Herrendes englischen Hofs samt ihrem Könige, dem die Lais gewidmet sind,und "überhaupt die Gebildeten jener Zeit, hätten diese durch die Bankvon der Geistlichkeit erzogenen Menschen, wenn sie mit unserer Ter-minologie vertraut gewesen wären, von einem solchen Lai etwa als voneinem anmutigen Spiele mit Märchenmotiven gesprochen ? oder hättensie'diese Motive als Wahnmotive bezeichnet? Nun, diese Frage könnenwir mit der Feststellung beantworten, daß sie weder das eine nochdas andere, daß sie überhaupt nichts dergleichen getan hätten; fürsie war alles Wirklichkeit oder zumindest Möglichkeit.
Um 1211 sagt der angebliche Enkel jenes englischen Königs,Gervasius von Tilbury, ein Laie zwar, der aber in Bologna Magisterdes Kirchenrechts geworden ist, in den Otia imperialia (decisio III,c. 86; hg. v. F. Liebrecht, 1856, 41): Hoc equidem a viris omniexceptione majoribus quotidie scimus probatum, quod quosdam hujus-modi larvarum, quas Fadas nominant, amatores [audivimus, et*)]cum ad aliarum foeminarum matrimonia se transtulerunt, ante mor-tuos, quam cum superinductis carnali se copula immiscuerunt; plu-rimosque in summa temporali felicitate vidimus stetisse, qui cum abhujus modi Fadarum se abstraxerunt amplexibus aut illas publica-verunteloquio,non tarnen temporales successus, sed etiam miserae vitaesolatium amiserunt. Also: die Liebhaber von Feen mußten, wennsie eine andere Ehe eingingen, sterben, bevor sie noch den Gattinnenbeigewohnt hatten, und ein ebensolches Los oder wenigstens derVerlust alles zeitlichen Glücks drohte auch denen, die sich den Um-armungen der Feen entzogen oder sich ihrer öffentlich rühmten; unddas bewährten einem täglich durchaus glaubwürdige Männer.
Ob nun die Bezeichnung Fadae von den lateinischen Fata oderden lateinischen Fatae herrührt (s. Röscher, I, 1452 f.), ist für dieErwägungen, die wir jetzt anzustellen haben, gleichgültig, und ebensogleichgültig ist, ob ein heimisches Wort wie faes oder fees latinisiertoder ob das heimische Wort zugunsten eines begriffsidentischen oderbegriffsnahen Fremdworts verschwunden ist (J. Grimm, Deutsche Mytho-logie 4 , I, 340 f., III, 117; Alfr. Maury, Croyances et legendes du Moyenäge, 1896, 16f.); jedenfalls erscheint diese Romanisierung von Gestaltender uns reichlich unbekannten keltischen Mythologie als ein Belegfür die schon erwähnte Tatsache, daß sich die Römer nicht nur dieLänder und die Menschen, sondern auch deren Gottheiten zu unter-werfen trachteten, was entweder durch die Übernahme in das eigenePantheon oder durch Verquickung mit eigenen Göttern zum Aus-druck kam: in Gallien wurde aus Arduinna eine Diana Arduinna, aus
*) Das Eingeklammerte möchte ich streichen.