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Versuch einer Theorie des Märchens
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Beispiele aus der erzählenden Literatur. 187

Den Schwank von dem Unibos, auf den das 61. Grimmsche Märchenin letzter literarischer Instanz zurückgeht, werden wir ebenso wenigein Märchen nennen dürfen wie den Schwank von dem Schneekind,der uns zuerst in dem Modus Liebinc erzählt wird; beides sind Märlein,die die Wahnmotive überdies nur verwenden, um sie zu verspotten.Das Exempel des Bischofs Ratherius von dem Ratsherrn, der gegendas Gebot des Königs, alle Greise zu töten, seinen Vater verschont,ist kein Märchen, und kein Märchen ist auch die Parallele dazu ausdem Dolopathos, obwohl ich sie als eines meiner Märchen des Mittel-alters wiedergegeben habe. In der Erzählung von Amicus und Ameliusist die den Aussatz heilende Kraft des Kinderbluts ein Wahnmotiywie das Wiederaufleben der auf Geheiß eines Engels getöteten Kinder,und in den zahlreichen mittelalterlichen Erzählungen von dem dank-baren Toten ist nicht eine, die ein Märchenmotiv verwendete. Märleinsind Erzählungen wie die von dem abgeschlagenen und verkehrtwieder aufgesetzten Kopfe und die von den kunstreichen Brüdern,die aus der Feder eines unbekannten Italieners stammen, und Märleinist alles, was aus dem Mittelalter zu dem Grimmschen Mädchen ohneHände gehört; ein Märlein erzählt auch der sogenannte Lai von Havelocdem Dänen, bei dem dem Rationalisten nichts als absonderlich auf-fällt, als daß dem Helden, wann er schläft, eine Flamme aus demMunde schlägt, und das ist wieder, für uns, nur ein Wahnmotiv*).Märlein sind auch in wirklichen Lais bearbeitet, so von Marie de Francein dem Bisclaveret, dessen Handlung sich um das Werwolfmotiv dreht,und in dem Eliduc, wo der Knoten durch das Lebenskräutlein derWiesel gelöst wird. I

Anders könnte es bei andern Lais dieser Dichterin zu stehenscheinen, etwa bei dem Lanval, der erzählt, wie eine Fee ihre Liebesamt unbeschränkter Wunschesgewalt einem Ritter dieses Namensschenkt mit dem Geding, daß er darüber unverbrüchliches Schweigenbewahre, wie er dann das Geheimnis verrät, wie sie ihm trotzdemdas Leben rettet und wie sie ihn schließlich mitnimmt in das Wunder-land Avalun, oder bei dem Lai von jenem Ritter Guigemar, den eineweiße Hinde zu dem Zauberschiff weist, das ihn zu der Schönen bringt,die ihn die Liebe lehren soll, das ihn ihr wieder entführt und schließ-lich ihn und sie vereinigt. Im Lanval nun sagt Marie zum Schlüsse:Ceo nus recuntent li Bretun", und als Einleitung zu dem ganzenBuche versichert sie zu Beginn des Guigemar:

Les contes que jo sai veraisdunt li Bretun unt fait les lais,vos conterais assez briefment;

nicht nur die Form also, sondern auch, was uns wesentlicher ist, dieFabeln dieser Lais verdankt die Französin den Bretonen, jenen Bretonen,von deren Nachfahren Wilhelm Hertz (Spielmannsbuch, 1886, LXIV)zu berichten weiß, daß die altern unter ihnen die Feen noch gesehen

*) Etienne de Bourbon berichtet (321 in n° 365), die Dämonen verwandeltensich oft in die Gestalt militum compugnancium et emittencium faces ardentes,qui ab hominibus solent appellari arzei, quasi succensi vel flammigeri; s. an-sonsten O. L. Jiriczek, Deutsche Heldensagen, I, 1898, 266.