Das Lied von Wieland und die Wölsungen-Sage. 185
erfunden wird, usw. gestrichen, die irische Sage ist ein Märchengeworden, und „den Iren verdanken die Nordleute . . . anscheinenddie Vorstellung von den Äpfeln der Jugend." „Das Lied von Wie-land" weiter besteht für Von der Leyen (D. Sagenbuch, II, 182) „auszwei Teilen, die früher in sich abgeschlossen waren", und der eine „istdas Märchen von den Schwanen Jungfrauen, denen Sterbliche ihreGewänder rauben"; trotzdem aber — das Lied muß nach Von derLeyen spätestens in das zehnte Jahrhundert gesetzt werden, also ineine Zeit, wo den Germanen das Märchen noch unbekannt war —sind es „nicht die Schwanenjungfrauen des Märchens, denen wir imWielandslied begegnen, es sind Walküren."
Den andern Teil des Lieds von Wieland bezeichnet Von derLeyen als Sage, nämlich als „die Sage von dem Schmied, der einsamseine Kunst übt, den ein König fängt und fesselt" usw., und mitdieser Bezeichnung hat es seine Richtigkeit. Dann kann aber dieserandere Teil nur Gemeinschaftsmotive einschließlich der von unssogenannten Wahnmotive enthalten, und das trifft denn auch durchauszu, wie man aus der Aufzählung im D. Sagenbuch, II, 190 ersieht:der Siegstein, der Liebeszauber in der Speise, das Messer, das allesUnreine anzeigt, sind Wahnmotive; der neidische und diebische Ritter,der neidische Truchseß, das schnelle Roß sind gewöhnliche Gemein-schaftsmotive. Ebenso muß das auch bei den andern Sagen, wenndiese Bezeichnung richtig ist, der Fall sein, also z. B. bei der Wöl-sungen-Sage. Da nennt Von der Leyen als „Motive, die wir aus denMärchen kennen" (D. Sagcnb., II, 298), die Verkleidung der Herrin alsMagd-—das ist ein Gemeinschaftsmotiv—, die Hexe, die als Wölfin neunBrüder tötet und vom zehnten getötet wird — die Vernichtung einesUnholds durch den letzten und zugleich ältesten Bruder von zehn Brü-dern wäre, auch wenn sie wirklich in einem Märchen vorkäme, ein Ge-meinschaftsmotiv, und daß es sich um eine Hexe handelt, die sichin einen Wolf verwandelt hat, ist ein Wahnmotiv genau so wie derWerwolfscharakter Sigmunds und Sinfjötls —, den fruchtbringenden(soll heißen: schwängernden) Apfel, die jahrelange Schwangerschaft,die giftgefeiten Helden — das sind Wahnmotive —, Gestalten tauschund ein Kraut, das den Toten belebt •— auch das sind Wahnmotive*).
*) Der Gestaltentausch zwischen Signy und der Zauberin, dem man in demMythos des klassischen Altertums die Erzählung von Juno und Semeies AmmeBcroe vergleichen kann, hat sein männliches Gegenstück, von Sigurd und Gunnarabgesehen, einerseits in dem Mythos von Alkmene und dem ihr in der Gestaltihres Gatten Amphitryon nahenden Zeus, andererseits in der von Herodot (VI, 69)mitgeteilten Sage von dem Heros Astrabakos, der die Gattin des spartanischenKönigs Ariston in dessen Gestalt täuscht. Daß aber solche Dinge nicht nurdamals, sondern noch viel später als durchaus möglich betrachtet und nicht nurvom Volke geglaubt worden sind, zeigen die Quaestiones 17 und 18 in demII. Buche der Disquisitiones magicae des Jesuiten Martin Delrio (1593; Venctiis,1605, .1, 169 f.), der unter andern auch die Geschichte von Uter und Yguerneheranzieht, den Eltern des Königs Artus (Geoffroy von Monmouth, Historiaregum Britanniae, 1. VIII c. 19; dazu P. Paris, Les romans de la Table ronde,1868 f., II, 74 f.). Vgl. ansonsten noch den Gestaltcntausch (nicht Kleidertausch,wie in der Sage von Amicus und Amelius) in dem (schon erwähnten) Mabinogivon Pwyll, dem Fürsten von Dyvet (Loth 2 , I, 85 f.), ferner die ganz merkwürdigeVerwendung des Motivs in dem Yonec der Marie de France, v. 165 f., wo es sichum Personen verschiedenen Geschlechts handelt, und schließlich eine Episode