Odhin und der Göttertrank. 183
affirmativen, eine Behauptung, und diese besagt nichts andres, alsdaß nach dem Ende des zehnten Jahrhunderts und vor dem Beginn deszwölften Jahrhunderts bei germanischen Völkern Märchen zu belegenseien. Sehen wir einmal nach, ob sich diese Behauptung rechtfertigenläßt; alle „die ganz drastischen Beispiele" können wir ja nicht soausführlich erörtern, wie es, um jedem Einwand zu begegnen, wün-schenswert wäre, aber wenigstens bei dem ersten, das wohl auch dasbeste sein soll, wollen wir erheben, ob oder in welchem Umfange diejüngere Fassung Märchenmotive aufgenommen hat.
Es handelt sich um den Mythos von Odhin und dem Göttertrank,und diesem hat Von der Leyen in dem Märchen in den Göttersagen derEdda, 53 f. einen Abschnitt gewidmet; da erwähnt er aus der Vor-geschichte, um die die jüngere Darstellung, die in den Bragaroedhur,reicher ist als die in den Havamal, folgende Züge:
Die Frau des Riesen Gilling wird getötet, indem ihr die Zwerge,die auch Gilling getötet haben, einen Mühlstein auf den Kopf fallenlassen; dazu sagt Von der Leyen: „Auf dieselbe Weise findet die böseStiefmutter in Grimm KHM 47 (Machandelboom) ihr Ende". Stimmt;aber woher nimmt er die Wissenschaft, daß dieses Märlein, dessenälteste Aufzeichnung von Runge stammt — die Verse des Urfaustkommen hier ebensowenig in Betracht wie die des englischen Kinder-lieds, da sie sich nur auf den Gesang des in einen Vogel verwandeltenKnaben beziehen —, älter wäre als die Snorra-Edda? Dabei hatschon Uhland (Schriften, VI, 215) auf das Buch der Richter 9, 53und 2 Samuel 11, 21 hingewiesen! Aber Von der Leyen fährt fort:„Ferner sehen im Märchen Menschen, die in Behausungen von Zwergenoder Unholden geraten, öfter einen großen Mühlstein an einemseidenen Faden oder einen scharf geschliffenen Doch an einem Haarüber sich hängen", und dazu zitiert er in der Anmerkung dreimoderne Märchen*). Stimmt; aber warum erwähnt er nicht dieParabel aus dem Barlaam und Joasaph und, was vielleicht nochwesentlicher wäre, die Geschichte von dem Schwert des Damokles?
In dem Reste der Erzählung der Bragaroedhur findet Von derLeyen manche Widersprüche und Unklarheiten, und die Fragen, diesich ihm darob aufdrängen, beantwortet er einfach: „Der Dichterhat eben die Erinnerung an die verschiedensten Märchen in seineErzählung verwoben." Da ist vor allem das Märchen von demWasser des Lebens zu nennen: dort „fragt sich der Held von einemRiesen zum zweiten, dessen Bruder, oder gar durch drei, vier Eremitenhindurch. Der letzte weiß Bescheid. Daher Odhins Dienst bei demBruder des Riesen!" (Das Ausrufungszeichen hat Von der Leyenhingesetzt.) „Der Wanderer findet ferner, namentlich im sizilianischenMärchen! (Ausrufungszeichen von mir), Knechte, die mit Knüppelnkehren, Köche, die mit dem Mund das Feuer anblasen usw., denenschenkt er bessere Gegenstände, Besen und Wedel —■ wie Odhin denKnechten bessere Sensen verspricht." Sollen wir erst die Art diesesTertium comparationis näher beleuchten? hat es einen Zweck, fest-
*) Die dort noch aus Saxo Grammaticus angeführte Stelle gehört nichthieher; sie berichtet von einem mit einem gewöhnlichen Steine bewerkstelligtenErschlagen (incusso lapide).