182 Märchen — Mythen und Sagen.
Der diesem Satze folgende Satz begründet den terminus ad quemoder, wenn man will, a quo: „Auch die Märchen, die auf die Eddaund auf die isländische Saga einwirkten, brauchen nicht älter als daszehnte Jahrhundert zu sein", und verweist uns damit an den Ort,wo Von der Leyen seine These aufgestellt hat: es ist die schon oben (S. 59)angezogene Stelle aus dem Märchen in den Göttersagen der Edda,wo er dann aus dem Umstände, daß dort, wo eine Göttersage in eineraltern, aus dem neunten bis zehnten Jahrhundert stammenden undin einer jungem, etwa um 1200 aufgezeichneten Fassung vorliegt, „dieältere immer von Märchenmotiven frei, die jüngere ganz damit behän-gen" ist, den „unwiderleglichen" Schluß zieht, „daß die Märchen erstzwischen dem neunten und dem zwölften Jahrhundert nach demNorden gewandert sein können"; als Niederschlag dieses Unter-suchungsergebnisses dürfen wir wohl die auf den Gegenstand bezüg-lichen Äußerungen in Von der Leyens Buch über das Märchen auf-fassen: „. . . nichts deutet(e) darauf hin, daß, sagen wir, vor demJahre 1000 n. Chr. das Märchen und sein leichter und breiter Aufbau,das Märchen als eine nach bestimmten Bedingungen zusammengesetzteGeschichte von wunderbaren Erfindungen den Germanen bekannt war"(*> J 35; f ast mit denselben Worten 3 , 153).
In der ersten Auflage des Buches über das Märchen folgt diesemSatze: „Das ist wohl gewiß, daß die späten Götter- und Heldensagen,die des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts, sich mit dem Schmuckdes Märchens aufputzten, wobei sie am liebsten einzelne Motive undMotivreihen aus ihrem Zusammenhang rissen und dann, ohne künst-lerisches Maßhalten, häuften. Man denke an die Sagen von Odhinund dem Göttertrank, Idhun und ihren Äpfeln, an die späteste Formder Wielandsage und an den späten Wolfdietrich. Aber daraus folgtnicht, daß das gleiche im neunten und zehnten Jahrhundert geschah,'., damals verwertete man wohl noch nicht die Märchen selber, sonderndie Motive, aus denen später das Märchen sich zusammensetzte."Das besagt also, daß die märchenhaften Motive der Altern Eddanicht aus Märchen genommen worden, hingegen später in Märchenübergegangen seien; die märchenhaften Motive der Snorra-Edda würdenaus Märchen stammen. Den in dieser unserer Umformulierung erstenTeil seiner Meinung, der durchaus dem Ergebnis unserer Untersuchungen- entspricht, wonach der Mythos dem Märchen vorausgeht, so daß dasMärchen als der Erbe des Mythos angesprochen werden darf, hatVon der Leyen in der dritten Auflage gestrichen; jetzt heißt es nurnoch: „Im zwölften und dreizehnten Iahrhundert haben sich dann,wie gesagt, die spätem Götter- und Heldensagen mit dem Schmuckdes Märchens oft überreich behängt und dabei viele Motive undMotivreihen aus dem Zusammenhang des Märchens gerissen. DieGeschichten von Odhin und dem Göttertrank, von Jdhun und ihrenÄpfeln bei Snorri, die späteren Fomen der Wölsungen-, der Wieland-und der' Wolfdietrichsage sind wohl die ganz drastischen Beispiele."
Die These, auf der Von der Leyen noch 1929 besteht, enthältalso auch in ihrer vorsichtigem Fassung nicht nur einen negativenTeil, des Inhalts, daß das Märchen vor dem zehnten Jahrhundertauf germanischem Boden nicht nachweisbar sei, sondern auch einen