Das Alter des Märchens auf germanischem Boden. l8l
in seiner ersten Arbeit über das Märchen (1906; Archiv, CXVI, 288)Benfeys Behauptung von dem Ursprung der Märchen aus dem Bud-dhismus mit folgenden Ausführungen: „Die Märchen von Dornröschenund Schneewittchen, die von Goldener und Allerleirauh, die vomWasser des Lebens und den Höllenreisen, die von dem Bauer Einochs,der seine Dorf genossen immer betrog, und immer auflebte, wenn sieihn tot glaubten, die Schildbürger- und Narrenstreiche, der Meister-dieb: diese Märchen, um nur einige Beispiele herauszugreifen, gehörenzum Teile seit langen Jahrtausenden dem Abendlande an . . ." In derersten Buchausgabe (1911, 123) ist Von der Leyen zwar, indem er aufBeispiele verzichtet, vorsichtiger geworden, sagt aber dennoch: „DieGeschichte des Märchens, auch die des indischen, ist einige Jahr-tausende älter (als der Buddhismus)"; auch an anderer Stelle (30)spricht er von den Märchen, die „seit Jahrtausenden erzählt werden",und er weiß von Jahrtausende alten Märchen, die etwa bei den Russen,den Esten, den Finnen usw. „plötzlich auftauchen". Aber etwas diesenletzten Sätzen Entsprechendes würde man in der letzten Auflage desBuches vergebens suchen, und nun ist auch die Geschichte des Märchensnicht mehr um einige Jahrtausende älter als der Buddhismus, sondernsie führt uns nur (130) „in viel entlegenere Zeiten", was immerhinbis heute ein Alter von zumindest dreitausend Jahren ergeben würde.Auf eine ähnliche Zahl berechtigt uns weiter eine Formulierung zuraten, die Von der Leyen 1929 (Zeitschr. f. Volksk., I, 21) gefundenhat, wonach wir, „wenn wir einem Märchen begegnen von reicher undunverwüstlicher volkstümlicher Kraft", . . . „wohl die Möglichkeiterwägen dürfen, daß dies Märchen heute so volkstümlich ist, weil esvor Jahrtausenden und seit Jahrtausenden immer volkstümlich war",und der Nachsatz „aber man wird alle Werkzeuge der Wissenschaftgebrauchen müssen, um diese Möglichkeit zu beweisen oder sie dochbis zur Wahrscheinlichkeit zu verstärken" soll wohl nur einer Polemikgegen den Schweden C. W. von Sydow dienen, der behauptet hatte(Archiv för nordisk filologi, XLII, 1926), als Erbe aus indogermanischerZeit müsse das Märchen älter sein als die europäische Bronze-Zeit(Niederd. Zeitschr. f. Volksk., IV, 213).
Gegen derlei Behauptungen brauchen wir nicht zu polemisieren:Sydow beruft sich auf das ägyptische Zweibrüdermärchen, das wirals einen zumindest örtlichen Mythos erkannt haben, und vorher aufdie Sagen von Perseus, Bellerophon, Jason und Polyphem, die nichtnicht nur für uns Mythen sind; uns interessiert viel mehr als diesepompösen Zahlen, die ihre Vertreter niemand und nichts zu erhöhenhindern könnten, eine andere Zeitbestimmung, die Von der Leyen inanderm Zusammenhang, aber in demselben Essai anführt (23): „Bisauf weiteres halten wir unsere These, das Märchen in unserem Sinn,die ausgeführte Wunder- und Zaubergeschichte*), sei vor dem zehntenJahrhundert n. Chr. auf germanischem Boden nicht nachweisbar, fürunerschüttert." -------
*) Nur beiläufig sei bemerkt, daß Von der Leyen diesen Ausdruck, ent-sprechend dem Sydowschen „Märchen im engern Sinn", sonst in dem ganzenAufsatz nicht erwähnt. Für ihn ist auch dort das Herodotische Märlein vomMeisterdieb geradeso ein Märchen wie der König Drosselbart.